La question préalable contre la théorie d’Einstein

von Henri Pierre Maxime Bouasse

La question préalable contre la théorie d’Einstein
Henri Pierre Maxime Bouasse

In: Scientia. Bologna, 1923 –  Ser. 2, ann. 17, t. 33., S. 13-24.
Erwiderung von E. Bauer in: Bulletin de l’Union des Physiciens. 1923, No. 162-163, April-Mai, S.220-222. – books-google.com

Das GOM-Projekt referiert stichworthaltig in seiner Dokumentation diese Arbeit von Henri Pierre Maxime Bouasse:
Vorbemerkung der Redaktion (S. 13): Eröffnet eine Folge von Beiträgen zur Diskussion der Einsteinschen Theorie, von Anhängern und Gegnern der Theorie, „auxquels nous laissons naturellement la plus ample liberté de manifestation de leur pensée“.

– Weist auf die Erklärungsleistung des Äthers und auch die ungelöste Problematik hin, derer sich die Physiker bewußt sind: „Personne ne soutient la réalité de l’éther“ (S. 14). „Remarquez le bien: nous reconnaissons l’étrangeté de notre hypothèse“ (S. 15).

– Nennt die Forderungen der Physiker an eine Theorie: sie kann durchaus bizarre Hypothesen einführen unter der Bedingung, daß sie keine Widersprüche zur Evidenz und zu den Kategorien des Denkens enthält (S. 16). Eine Theorie muß sich in der praktischen Anwendung beweisen, wie es die klassische Theorie vielfach getan hat.

– Den Anstoß zur Theorie hat der Michelson-Morley-Versuch gegeben, in dem ein bestimmtes optisches Phänomen nicht festgestellt wurde. Die Darstellungen der Theorie behandeln dagegen Eisenbahnen, Lichtgeschwindigkeit, Bezugssysteme und Galileische Achsensysteme: es besteht keinerlei Zusammenhang zur Optik des Michelson-Morley-Versuchs (S.17).

– Eine Rückkehr zur Emissionstheorie des Lichts ist abzulehnen: 120 Jahre lang konnte sie keine Darstellung der optischen Tatsachen geben; „ Où trouverons nous la périodicité des phénomènes?“ (S.17).

– Benötigt man zur Erklärung des Fresnel-Versuchs vorher die Eisenbahnen, die Relativgeschwindigkeiten, Bezugssysteme und den Dopplereffekt – „oui ou non?“ Wenn nicht, dann fehlt in der Theorie ein unmittelbar einleuchtendes Erklärungsprinzip für die Optik (S. 18).

– Seit Aristoteles haben sich die Gehirnfunktionen des Menschen und die Schlußweisen der Logik nicht verändert: der Erkenntnisapparat kann irrige Vorstellungen hervorbringen, aber auch korrigieren; dazu wird jedoch derselbe Erkenntnisapparat benutzt. Es hat immer wieder gnostische und mystische Sekten gegeben, die vorgaben, die Wahrheit ohne Benutzung dieses Erkenntnisapparats zu finden. Als Folge der Theorie verlieren die Begriffe von Raum und Zeit ihre intuitive Klarheit, und damit werden alle Erkenntnismöglichkeiten aufgegeben: „il ne nous reste plus d’autre occupation raisonnable que de nous contempler le nombril“ (S. 19). Fazit: Wie kann man behaupten, unser Erkenntnisapparat vermittle falsche Vorstellungen von Raum und Zeit, und ihm gleichzeitig in allen anderen Überlegungen vertrauen?

– Stellt die „question préalable“, die vorausgehende zuerst zu beantwortende Frage, bevor die Theorie diskutiert werden kann: „Les données intuitives de notre cerveau forment un bloc que vous n’avez pas le droit de diviser. Si vous en rejetez une partie, vous êtes fatalement conduit à rejeter le tout: ce qui supprime toute possibilité de connaissance“ (S. 20). Die Relativisten selbst sagen, daß ihre behaupteten Folgen der Theorie den intuitiven Erkenntnissen unseres Erkenntnisapparats widersprechen: solange die Relativisten die „question préalable“ nach der unauftrennbaren Einheit unseres Erkenntnisapparats nicht als unberechtigt erweisen können, brauchen sich die Physiker mit den Einzelheiten der Theorie nicht zu befassen (S. 20).

– Wenn die Fakten die Formeln der Einsteinschen Theorie bestätigen, dann schließen wir daraus, daß die Formeln gut sind, aber keineswegs daß die Theorie akzeptabel sei (S. 22).

– Es ist eine Täuschung der Öffentlichkeit, wenn Relativisten behaupten, der Michelson-Morley-Versuch sei „incompatible avec tout autre théorie que celle d’Einstein“ (S. 22).

– Die Äther-Hypothese erklärt Tausende von wichtigen Phänomenen: bisher hat sie nur drei optische Phänomene nicht erklärt, die erst durch technisch perfektionierte Techniken (d.i. der Michelson-Morley-Versuch) bekannt geworden sind oder auf sehr verschiedene Weise erklärt werden können (S. 22).

– Die Relativisten betonen gern, daß man sehr stark sein muß, um ihnen zu folgen: „vous prenez un ton hiératique (du plus excellent comique)“ (S. 23). Michelson hat 1922 am Collège de France Vorlesungen über Optik gehalten: „suivant les méthodes traditionelles“, also ohne Relativistik.

– Zitiert abschließend einen skeptischen Text von Faguet (S. 23-24) über den Menschen als mystisches Tier, der das Unverständliche und die Träume liebt, und dem die Vernunft ein Intimfeind ist.

Während 1920 in Bad Nauheim und 1922 in Leipzig die Theorie schon als alleinseligmachend eingesetzt und die Freiheit der Diskussion in den deutschen naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften abgeschafft worden war, wird 1923 in Italien, in der international bedeutenden „Scientia“, eine gründliche Diskussion „in größter Freiheit“ eröffnet, und zwar „natürlich“. Dort hat kein „Reichskanzler der Physik“ für Ruhe und Ordnung gesorgt: glückliches Italien!

– Bouasse fragt (S. 17), wie die Theorie die optischen Effekte ohne Äther-Hypothese erklären will: ihm ist entgangen, daß zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner Abhandlung A. Einstein schon wieder zur Äther-Hypothese zurückgekehrt war.

– Nur wenige Physiker als Kritiker haben die Erkenntnisvoraussetzungen der Relativisten thematisiert und als Ursache der Theoriefehler angeprangert. Verlangt vor aller Detaildiskussion den Nachweis, warum der menschliche Erkenntnisapparat nicht ausreichen soll.

–  Ein vehementes Plädoyer für die „évidence“ (Descartes), den „sens commun“: diesen verteufeln die Relativisten verständlicherweise stets als ihren Hauptfeind.

 

1991 – La question préalable contre la théorie d’Einstein
[Auszug] / H. Bouasse.
In: Biezunski, M.: Einstein à Paris. 1991, S. 110-111.
Aus: Bouasse: La question préalable contre la théorie d’Einstein. 1923.

Die Spezielle Relativitätstheorie ist keine physikalische Theorie, sondern eine metaphysische Hypothese, die obendrein unverständlich ist.

– Der frenetische Applaus einer inkompetenten Menge macht die Hypothese nicht annehmbarer.

– Es stört uns nicht, wenn die Mathematiker und die Astronomen uns für altmodisch und stumpfsinnig halten und sogar insinuieren, wir seien reif für die Pflegeanstalt. Diese Freundlichkeiten berühren uns nicht, denn das definitiv letzte Wort haben wir, die Physiker im Laboratorium: wir werden die Theorien akzeptieren, die uns einleuchten; wir lehnen die Theorien ab, die wir nicht verstehen können, und die daher unnütz sind.

Die Anspielung auf die Pflegeanstalt bezieht sich auf eine Äußerung eines französischen Physikers, die Kritiker der Theorie gehörten ins Irrenhaus.

– Obwohl selbst Anhänger der Theorie, druckt Biezunski die kritischen Passagen von Bouasse immerhin ab, womit er sich ehrenhaft von dem Rest der Branche abhebt. Allerdings gibt er keine Vorstellung von den kritischen physikalischen Einwänden Bouasses, vgl. dessen Abhandlung 1923.

 

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