Einsteins Nachlaß: Physik im Tempel

Streit seit 1905: Gläubige, Kritiker und Ketzer
Wäre die spezielle Relativitätstheorie also eine Religion (die Vehemenz, mit der sich bis heute die Gemüter mit ihr beschäftigen legt diesen Ein­druck in der Tat nahe), so könnte man drei Gruppen unterscheiden: Leute, die unbedingt in der Kirche bleiben wollen (Gläubige um jeden Preis, Or­thodoxe oder Fundamentalisten), solche, die zwar noch Mitglied der Kir­che sind, aber nicht alles glauben (Kritiker) und diejenigen, die mit der Kirche gebrochen haben und ausgetreten sind (Ketzer). Eine vierte Grup­pe, Sonderlinge und Okkultisten, die den nimmermüden Erfindern eines Perpetuum Mobile entsprechen, soll uns in diesem Büchlein nicht be­schäftigen. Die Lage der Kritiker als Querdenker oder Dissidenten ist (im Gegensatz zu der der Gläubigen) schon schwierig genug: Sie bilden das Lager der Uneinigen, die oft nichts voneinander wissen oder wissen wol­len und gegen die Fundamentalisten als Einzelkämpfer dastehen. Kritiker waren zu allen Zeiten seit der Geburt der Relativitätstheorie auf dem Plan; doch ihre Stimme ist oft ungehört verhallt. Woran liegt es, daß diese Theorie mit dem unglücklichen Namen und mit ihrer noch unglückliche­ren Beziehung zum alltäglichen Denken als Streitobjekt in der Geschichte der Wissenschaft wohl einzigartig dasteht? Aus welchem Grunde ist gera­de sie zum Symbol menschlichen Genies und zum Prüfstein für Intelligenz geworden, obwohl sie bis heute im wesentlichen eine Glaubensfrage ge­blieben ist und entsprechend kultisch verehrt und behandelt wird? Sicher­lich hat dazu ein beklagenswerter Mangel an wissenschaftlicher und hi­storischer Objektivität beigetragen, der in einer Lawine von Publikationen einen fruchtbaren Boden fand und findet, obwohl es an kritischen Stim­men nie gefehlt hat. Die spezielle Relativitätstheorie (im folgenden SRT, nur um sie geht es uns, weil ihre Auswirkungen leicht für ein Buch ausrei­chen) beruht auf ausgesprochen einfachen Argumenten, die ihrerseits aber soviel Auslegungsspielraum zulassen, daß eine objektive Beurteilung und die Trennung von Wünschen und Fakten unnötig erschwert wird. Diese Schwierigkeiten beginnen bereits mit den historischen Sachverhalten. Wie oft wird schon die weithin bekannte Tatsache betont, daß die „Lorentz-Transformation“ und die Idee E = mc2 eben nicht auf Lorentz und Einstein zurückgehen? Wie viele Lehrbücher erwähnen den Voigt-Doppler-Effekt oder die Tücken der Maxwell-Lorentz-Elektrodynamik (um deren Rettung die SRT entstanden ist!)? Und wer fragt sich, warum die Ampere-Weber-Elektrodynamik praktisch aus den Lehrbüchern verbannt worden ist, ob­wohl sie eindeutige Vorzüge gegenüber Maxwell-Lorentz genießt?

Dieses Büchlein möchte am Beispiel SRT unter dem Motto et audiatur altera pars Lücken in der Objektivität schließen und damit seine geneigten Le­serinnen und Leser ermuntern, sich der gleichmacherischen Informations­flut entgegenzustellen, die wir dem leider allzu verbreiteten Rezept „aus N Lehrbüchern mache man das (N + l)ste“ zu verdanken haben. Dabei dür­fen natürlich nicht die Blicke hinter die Kulissen fehlen. Das Bemühen um Objektivität wirbelt naturgemäß Staub auf, bei dem empfindliche Naturen husten werden. Daß es in der Wissenschaft immer Skandale gegeben hat und geben wird, darf indes niemanden überraschen. Nach Popper ist die Falsifizierbarkeit der Wissenschaft eines ihrer wesentlichen Merkmale. Der eigentliche Skandal liegt demgemäß nicht in der Falschheit der Aus­sagen, sondern in der Unterdrückung ihrer Korrektur. Auch dies ist keine neue Erkenntnis, aber man darf nicht müde werden, sie zu verkünden, um zu demonstrieren, wie wenig aus vergangenen gleichartigen Erfahrungen gelernt worden ist. Es ist daher unabdingbar, daß Gläubige, Kritiker und Ketzer gleichermaßen zu Wort kommen werden. Die Vertreter der drei Gruppen bilden eine Gemeinschaft mit allen nur denkbaren Haltungen zur „Weltanschauung SRT„. Es ist ebenso unverzichtbar, weitgehend unbe­kannte Quellen zu zitieren, die (wissentlich oder unwissentlich) in der breiten Literatur verschwiegen werden und mit deren Hilfe sich ein ande­res historisches Bild als das gemeinhin bekannte Ergibt.

Georg Galeczki und Peter Marquardt

Auszüge aus dem Buch „Requiem für die Spezielle Relativität“ – Seiten 21-22
Verlag Haag+Herchen, 1997

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