Anschein oder Realität?

von G.O. Mueller

Die Forschungsgruppe G.O. Mueller berichtet in ihrer Dokumentation über die groteske Uneinigkeit der Autoren der Relativistik, ob die Effekte Längenkontraktion und Zeitdila-tation real seien oder nur Scheineffekte:

Seite 3:
Fachliche Verdachtsmomente: Anschein oder Realität

Die Paradoxa – insbesondere das Uhren- oder Zwillingsparadoxon – erweisen sich nur als die Zuspitzung der behaupteten kinematischen Effekte der Längenkontraktion und der Zeitdilatation. Wendet man sich diesen beiden grundlegenden Effekten zu, so stößt man auf eine Frage, die man bei einer angeblich bestätigten und allgemein akzeptierten Theorie nicht mehr vermuten würde: nämlich ob die behaupteten Effekte wirklich seien oder nur Scheineffekte.

Die Sachlage wird noch bunter dadurch, daß in dieser Frage eine groteske Uneinigkeit der Relativistik-Autoren festzustellen ist, so daß man zweckmäßigerweise besser von zwei Theorien sprechen sollte, von einer Theorie mit Scheineffekten und einer Theorie mit Realeffekten.

Man darf allerdings nicht erwarten, daß die Autoren sich nach reiflicher Überlegung eine begründete Auffassung gebildet, jeder seine Entscheidung in dieser Frage getroffen und sich auf eine der beiden Seiten geschlagen hat. Vielmehr wechseln manche Autoren ihre Entscheidung von einer Darstellung zur nächsten, ohne ein Wort darüber zu verlieren, und viele schwanken in demselben Buch zwischen beiden Positionen hin und her, wie es ihnen gerade gelegen erscheint.

Wenn schon unter den Anhängern der Theorie derartig gravierende Widersprüche auch heute noch bestehen, dann ist dies ein sicherer Hinweis darauf, daß irgendetwas mit der Theorie nicht stimmt.

Seite 86:
Albert Einstein hat 1905 die Längenkontraktion mit eindeutig widersprüchlichen Aussagen eingeführt: mit einer Real-Version und einer Schein-Version.

Die Real-Version findet sich S. 896: die “allgemein gebrauchte Kinematik” (womit er die Newtonsche meint) wird damit charakterisiert, daß sie annimmt, “daß ein bewegter starrer Körper … in geometrischer Beziehung vollständig durch denselben Körper, wenn er in bestimmter Lage ruht, ersetzbar sei.” Diese Identität der Geometrie des Körpers in der Newtonschen Kinematik bei allen verschiedenen Bewegungszuständen hält Albert Einstein für irrig und will sie mit seiner Kinematik-Theorie bestreiten: in der Speziellen Relativitätstheorie-Kinematik soll der Körper diese geometrische Identität verlieren, weil durch Bewegung oder Ruhe eine reale Änderung des starren Körpers bewirkt werden soll; vom Relativitätsprinzip ist keine Rede.

Eine Schein-Version findet sich S. 903: “Ein starrer Körper, welcher in ruhendem Zustande ausgemessen die Gestalt einer Kugel hat, hat also in bewegtem Zustande – vom ruhenden System aus betrachtet – die Gestalt eines Rotationsellipsoides …” Im übernächsten Absatz wird die Reziprozität ausdrücklich festgestellt.

Dieser Widerspruch zieht sich durch die gesamte Relativistik: jeder Autor kann sich eine Alternative aussuchen. Solange dieser Widerspruch von der Relativistik nicht anerkannt wird und ausgeräumt ist, ist die behauptete Längenkontraktion für die Kritik in keiner der beiden Versionen gültig; es ist nicht Aufgabe der Kritik und auch nicht möglich, den Relativisten zu einer konsistenten Theorie zu verhelfen, deren Hinfälligkeit offenbar ist, und die Kritik wäre auch nicht verpflichtet, vorsorglich beide Versionen zu widerlegen.

Seite 137:
Schein und Sein: Albert Einstein 1905 wechselt in seinen Aussagen über Längenkontraktion und Zeitdilatation mehrfach zwischen “scheint” und “ist” und pflanzt seiner Theorie damit einen Grund-widerspruch ein.

Damit trägt Albert Einstein selbst eine Unbestimmtheit in die Theorie, die weder er selbst noch einer seiner maßgeblichen Anhänger jemals ausgeschaltet hat. Die Kritik hat beide Möglichkeiten A (= Anschein) und R (= Realität) widerlegt: (A) wenn die Effekte nur “scheinbar” sein sollen, so könnten sie nicht gleichzeitig als real behauptet werden; (R) wenn die Effekte “real” sein sollen, so können sie nicht nachgewiesen und auch keine Ursachen angegeben werden.

Der Grundwiderspruch wird in den Darstellungen oft thematisiert und dann, nach Geschmack der Autoren, durch selbstherrliche Entscheidung aus der Welt geschafft. Damit ergeben sich unter den Relativisten zunächst zwei, dann drei deutlich getrennte Gruppen:

Die A-Gruppe (Anschein) besteht auf voller Symmetrie der Inertialsysteme, damit auf voller Reziprozität der Effekte (Längenkontraktion, Zeitdilatation), die deshalb in den stets betrachteten zwei Systemen gleichzeitig auftreten und folglich „nicht real“ sein können.

Diese A-Gruppe kann sich auf Albert Einsteins eigene Aussagen 1905 berufen; (S. 895): „Die Gesetze … sind unabhängig davon, auf welches von zwei relativ zueinander in gleichförmiger Translationsbewegung befindlichen Koordinatensystemen diese Zustandänderungen bezogen werden.“ (S. 903): „Es ist klar, daß die gleichen Resultate von im „ruhenden“ System ruhenden Körpern gelten, welche von einem gleichförmig bewegten System aus betrachtet werden.“ Außerdem spricht Albert Einstein bei den Effekten mehrmals von „erscheint“ oder „vom ruhenden System aus betrachtet„. Folglich sind die beiden genannten Effekte nur scheinbare, und nach dem Zusammentreffen beider Systeme sind Längenkontraktion und Zeitdilatation wieder verschwunden, Metermaße und Uhren stimmen wieder überein.

Die Symmetrie und Reziprozität werden von manchen mißtrauischen Autoren als so wesentlich beurteilt, daß sie die Reziprozität ausdrücklich als ein zusätzliches Prinzip formulieren, damit es niemand übersehen kann. Diese Autoren können dann das Uhren-/Zwillingsparadoxon nicht mehr akzeptieren und wählen einen von zwei Wegen: entweder bestreiten sie den Effekt (womit sie aus der Orthodoxie der Relativistik ausscheren) oder sie erwähnen ihn vornehmerweise überhaupt nicht (womit sie durch Schweigen weiterhin ihre Rechtgläubigkeit bewahren); beide Alternativen innerhalb von (A) hindern ihre Vetreter nicht daran, sich als gläubige Anhänger der Theorie zu erklären; es gibt aber auch Autoren, die mit dieser Alternative ihren Abschied von der Relativistik nehmen und auf die Seite der Kritiker wechseln: prominentes Beispiel Herbert Dingle.

Die R-Gruppe (Realität) erklärt die beiden Effekte (Längenkontraktion, Zeitdilatation) für real und kann sich dabei auf Albert Einstein selbst berufen (1905, S. 904): „Befinden sich in A zwei synchron gehende Uhren und bewegt man die eine derselben auf einer geschlossenen Kurve mit konstanter Geschwindigkeit, bis sie wieder nach A zurückkommt, … so geht die letztere Uhr bei ihrer Ankunft in A gegenüber der unbewegt gebliebenen um [Formel] nach.“

Diese Behauptung der Realität durch Albert Einstein selbst ist unzweifelhaft und unbedingt ausgesprochen. Autoren dieser Gruppe sehen nur die Schwierigkeit, den Rundflug der bewegten Uhr als inertiale Bewegung zu rechtfertigen (nicht geradlinig, durch Richtungsänderungen nicht unbeschleunigt): sie wollen deshalb den „Fehler“ Albert Einsteins von 1905 „verbessern“ durch die Behauptung, daß die reale Zeitdifferenz durch eben diese inertiale Bewegung entsteht, wovon Albert Einstein kein Wort sagt; seine Theorie wird also ohne sein Zutun und gegen ihn berichtigt und gerechtfertigt. Damit wird die Fehlerhaftigkeit der Theorie in diesem Punkt durch die Relativisten selbst bestätigt, wofür die Kritiker sehr dankbar sein müssen.

Manche Autoren erklären diesen 1905 geschilderten Vorgang wegen der auftretenden Beschleunigung im Nachhinein als einen Fall für die Allgemeine Relativitätstheorie von 1916. Damit weisen sie Albert Einstein einen gravierenderen kategorialen Fehler nach, daß er nämlich die Unzulässigkeit des Vorgang in seiner Theorie von 1905 überhaupt nicht erkannt hat.

Ferner hat sich eine nicht unbedeutende „A/R-Gruppe“ von Autoren herausgebildet, die in ihren Darlegungen mit der A-Alternative anfangen und dann irgendwann elegant zur R-Alternative übergehen, ohne es selbst ihrem Publikum mitzuteilen, vielleicht sogar ohne es selbst zu bemerken. Diese Leute haben es natürlich bequem: sie gewinnen ihr Publikum mit der harmlosen und von jedem gutgläubigen Leser leicht nachvollziehbaren A-Alternative und überrumpeln ihn plötzlich mit den wunderbaren realen Effekten und einer Erklärung nach der R-Alternative. Dieser Schritt ist für den fachkundigen Leser eigentlich leicht zu erkennen; der fachfremde Leser aber hat gewöhnlich kaum eine Chance, da seine Gutgläubigkeit der Relativistik einen Vertrauensvorschuß gibt und er sich die wahre Sachlage nicht vorstellen kann, sie nicht einmal glauben würde.

Unerläßlich ist der Hinweis darauf, daß nicht alle Autoren der Relativistik im Laufe der Jahre ihre Position durchhalten, sondern ändern, was jedermanns gutes Recht ist: manche ändern aber ihre Auffassung, auch ohne ihre Leser auf Änderungen ihrer Position gegenüber ihren früheren Veröffentlichungen hinzuweisen. Bevor man über die Position eines Relativistik- Autors diskutiert, sollte man sich deshalb vorher vergewissern, daß man sich auf dieselbe Veröffentlichung bezieht.

Die Kritiker haben wiederholt eine Bereinigung des Grundwiderspruchs der Speziellen Relativitätstheorie eingefordert, so z.B. H. C. Browne 1922: Er bezieht sich auf widersprüchliche Aussagen über die Diskussion mit Einstein in Paris im April 1922 über das Zwillingsparadoxon. Bergson behauptet, das Paradoxon sei eine zwingende Folge der Theorie; und Nordmann behauptet, es sei eine nicht von Einstein herzuleitende Fiktion. Beide beziehen sich auf angebliche Aussagen von Einstein; Browne fordert eine Aufklärung dieses Widerspruchs. Daran scheint die Relativistik jedoch seit 8 Jahrzehnten kein Interesse zu haben: im Gegenteil, je mehr Widersprüche, um so mehr Theorieversionen, und entsprechend viele Ausreden sind verfügbar gegenüber den Kritikern. [NB: Siehe Offener Brief von Ekkehard Friebe an Prof. Hermann Nicolai vom 16.07.11, der bisher unbeantwortet ist, sowie Antwort von Dr. Markus Pössel an Peter Ripota vom 25.07.10, die keine Antwort auf die gestellten Fragen enthält].

Manchen Autoren der Relativistik ist der Grundwiderspruch Albert Einsteins derart unangenehm und genierlich, daß sie sehr merkwürdige Wege wählen, um ihn aus der Welt zu schaffen: die einen bestreiten einfach ausdrücklich, daß Albert Einstein überhaupt widersprüchliche Aussagen gemacht habe, und erklären die von ihnen gewählte Alternative als die einzig vorhandene Lösung; die anderen erklären den entstandenen Eindruck eines Widerspruchs als „sinnlos„, und wollen ihn durch besonders kluge Erklärungen aus der Welt schaffen: hierhin gehört auch die berühmte „Wurstscheibe“ von Max Born (seit 1. Aufl. 1920, S. 183, bis zur letzten Aufl. 1969, S. 219), der die möglichen verschieden schrägen Schnitte durch eine Wurst einfachheitshalber alle für gleichermaßen real erklärt und damit das Problem gelöst zu haben glaubt, nach dem Motto: jeder darf sich eine Scheibe nach Belieben schneiden – und jede Scheibe ist doch real? Womit allerdings die anstehende Frage überhaupt nicht geklärt ist. Die „Wurstscheibe“ von Max Born bestätigt, wenn man sie ernst nehmen will, nur den generellen Relativismus-Vorwurf gegen die Theorie, macht die Sache also nur noch schlimmer.
Autoren der A-Gruppe (Symmetrie, Reziprozität, Anschein der Effekte): H. Dingle; Nordmann; Sexl 1978.
Autoren der R-Gruppe (Asymmetrie, keine Reziprozität, Realität der Effekte): Langevin; McCrea; Rindler: Essential relativity.
Autoren der A/R-Gruppe (alle denkbaren Varianten vermischt): Albert Einstein; Born.

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