Les temps fictifs et le temps réel (Fiktive Zeiten und reale Zeit)

von Henri Bergson

Les temps fictifs et le temps réel
Henri Bergson

In: Revue de philosophie, Paris, 1924
In französischer Sprache.
Englische Übersetzung in: Bergson and the evolution of physics. 1969, S. 165-186.: Fictitious times and real time.

Das GOM-Projekt referiert stichwortartig in seiner Dokumentation diesen Artikel von Henri Bergson:

Erwiderung auf eine Rezension von A. Metz. Will auf 3 Punkte in der Kritik von A. Metz antworten, die alle die S. 98-112 seines Buches „Durée et simultanéité“ betreffen. – (1) Das Zwillings-paradoxon („voyage en boulet“: Reise in der Kanonenkugel) behauptet, daß Pierre auf der Erde bleibt, während Paul in einer Geschoßkugel mit Lichtgeschwindigkeit zu einem fernen Stern katapultiert wird und ebenso zurückkehrt: der Reisende Paul kehrt nach seinen Messungen nach 2 Jahren zurück, während für Pierre auf der Erde 100 Jahr vergangen sind. Das Zwillingsparadoxon darf nicht real interpretiert werden, sondern nur mit voller Reziprozität: jeder von beiden hält sich für stationär und den anderen für bewegt; der Effekt ist ähnlich der perspektivischen Verkleinerung, wenn sich beide voneinander entfernen: jeder sieht den anderen in Zwergengröße, glaubt aber keineswegs an eine Änderung der Körpermaße. Man kann beliebig eines der beiden Systeme, aber jeweils nur eines, als unbewegt wählen; in diesem führt ein „wirklicher Physiker“ seine Messungen durch und macht Aussagen über den anderen als einen „gedachten Physiker“ (un physicien uniquement conçu comme vivant); daher messen beide Physiker dasselbe: für sich selbst die „wirkliche Zeit“, für den anderen eine „fiktive Zeit“ (S. 244). – Diese Unterscheidung von Gemessenem und Vorgestelltem muß man machen, auch gegen den Willen der Relativisten. Auch einem eminenten Physiker kann der Umgang mit philosophischen Problemen schwerfallen. Philosophie muß man lernen (S. 248). Die philosophische Notwendigkeit für die Unterscheidung liegt im Relativitätsprinzip selbst, für das es nämlich kein bevorzugtes Bezugssystem mehr gibt: alle sind gleichberechtigt (S. 249).

Zitiert den Relativisten Langevin mit einem Text, in dem die Existenz einer „réalité indépendente des systèmes de référence“ behauptet wird: genau dies ist den Relativisten vorzuwerfen (S. 250).  Beim Zwillingsparadoxon kommt Bergson den Relativisten noch zu weit entgegen mit der Unterscheidung von zwei Zeiten, „temps réel“ und „temps fictif“: nur daraus entwickelt sich der wiederholte Argumentwechsel.

Der zentrale Punkt für Bergson ist die konsequente Relativität aller Systeme, ihre volle Reziprozität: darin allein schon liegt eine fundamentale Kritik der Theorie, weil die Relativisten sich nicht an das Prinzip ihrer eigenen Theorie halten wollen. Sie dürfen nicht erst alle Systeme für gleichberechtigt erklären und später eines wieder zum bevorzugten System machen wollen.

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Siehe auch in diesem Blog: Einstein: „Bergson hat schwere Böcke geschossen; Gott wird’s ihm verzeihen

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