Über die Bedenklichkeiten der neueren Relativitätstheorie

von Paul Bernays

Über die Bedenklichkeiten der neueren Relativitätstheorie
Paul Bernays
(Umarbeitung eines im Juni 1911 gehaltenen Vortrags innerhalb der Fries’schen Schule)
In: Abhandlungen der Fries’schen Schule, 1914, Bd. 4, H. 3.,  S. 457-482.

Katalog der Humboldt Universität zu Berlin

Das GOM-Projekt referiert stichwortartig in seiner Dokumentation diese Arbeit von Paul Bernays:

Gegen die Annehmbarkeit des Relativitätsprinzips erheben sich starke Bedenken, denn es verlangt „die Preisgabe der für unsere Auffassung von der Physik grundlegenden Ansicht, daß die Räumlichkeit und Zeitlichkeit der Natur selbst als wesentliche Beschaffenheiten zukommen“ (S. 474).

– Vor der Bestimmung der Gleichzeitigkeit muß man einen Begriff davon entwickeln: erst danach kann man eine physikalische Methode zur Bestimmung von Gleichzeitigkeit entwickeln; die Spezielle Relativitätstheorie nimmt irrtümlich das Gegenteil an (S. 476).

– Zwischen Raum und Zeit besteht keine durchgängige Analogie: im Raum sind alle Richtungen gleichberechtigt; die Zeit dagegen hat eine ausgezeichnete Richtung; deshalb sind beide nicht gleichberechtigt (S. 477).

– Der zeitlichen Aufeinanderfolge entsprechen Kausalzusammenhänge; dem räumlichen Nebeneinander entspricht keine physikalische Verknüpfung (S. 477-478).

– Die Theorie liefert keine neuen Erkenntnisse über das Verhältnis von Raum und Zeit (S. 478).

– Diskutiert die von Ritz entwickelte Alternative (S. 479-481).

– Es gibt keinen Grund, die bisherigen Raum- u. Zeitbestimmungen zu bezweifeln. Das Relativitätsprinzip ist grundsätzlich abzulehnen (S. 482).

Eine der frühesten (Vortrag 1911) fundamental begründeten Zurückweisungen der Speziellen Relativitätstheorie; so gut wie nie zitiert, nie argumentativ beantwortet. Sogar den meisten kritischen Autoren unbekannt.

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3 Antworten zu “Über die Bedenklichkeiten der neueren Relativitätstheorie”

  1. ludwig bernays

    Ihre Arbeit finde ich interessant. Ihr Kampf für die Freiheit der Wissenschaft wäre auch dann zu begrüssen, wenn Sie – was ich nicht glaube, obschon ich nichts davon verstehe – in der Sache unrecht hätten. Mein Onkel Paul Bernays hatte später – 1913 – als Privatdozent an der Uni Zürich mit Einstein persönlichen Kontakt und hat sogar – wie z.B. J. Renn gezeigt hat – neben Besso und Grossmann an der Entwicklung der SRT mitgewirkt. Später war P.Bernays ein enger Mitarbeitet Hilberts, und in seinen letzten Jahren stand er in engem Kontakt u.a. mit Gödel, nicht jedoch mit Einstein.

  2. Peter Rösch

    Einstein hatte – wir sind im Jahre 1913 – kurz zuvor die Lehranstalt gewechselt. Nachdem er auf der merkwürdigen Solvay-Konferenz zuvor im November 1911 ins Plancksche Lager gewendet worden war (in unmitelbarem Anschluß an diese Aktion wurden zwei nicht schärfer umrissene Nobelpreise verliehen: Curie und Wien, der sperrige Poincaré kam bald darauf zu Tode), verließ Einstein bald darauf seine Adresse Prag 6 (siehe Eintrag in Wer ist wer?, Ausgabe 1912; lies: „Prags Ex“; in derselben Ausgabe wird die Curie mit dem Vermerk „wiederverheiratet“ gemobbt) an der von Mach dominierten deutschen Uni und wechselte an das Polytechnikum Zürich. Diesem war gerade – vielleicht aus diesem Anlaß – das bisher nicht bestehende Promotionsverleihungsrecht eingeräumt worden, womit das Polytechnikum zur ETH mutierte. – Interessant ist dabei, daß Einstein eben nicht an die Universität Zürich wechselte, obwohl dort ebenso wie zuvor in Prag die Machschen Gefolgsleute dominierten (siehe zum Beispiel der Hinweis auf die sozialistische Unterwanderung der Uni Zürich in Karamanolis, S. 65). Das heißt, es ging tatsächlich im Anschluß an die Solvay-Konferenz darum, daß Einstein jetzt auf eine andere Schiene gehievt worden war, die dann zum 1. April (!) 1914 konsequenterweise zu Plancks Berlin führte. – Das Wirken P. Bernays fällt nun bemerkenswerterweise gerade in diese Zeit des Einsteinschen Umbruchs von Mach (sozialistisch) zu Planck (staatsprotestantisch). Aus dem Lager Machs erschallten zu ebendieser Zeit jetzt kritische Stimmen zur Relativtätstheorie. – Vor diesem Hintergrund ist die Wortmeldung des Herrn Ludwig Bernays außerordentlich wertvoll, denn es können folgende Themenpunkte fixiert werden:
    – Paul Bernays war an der Uni Zürich, mithin wahrscheinlich Sozialist und Ernst-Mach-Anhänger.
    – Paul Bernays arbeitete zunächst an der Ausgestaltung der Relativitätstheorie mit. Er tat dies an der Seite von David Hilbert. Hilbert wiederum ist ein Schüler (schon seit Königsberg, wie auch Minkowski, Sommerfeld, Wien) von Ferdinand Lindemann (den ich, wie bekannt, für den eigentlichen Schöpfer der Relativitätstheorie halte – siehe z. B. Wiss. u. Hyp. 1904, Bemerkung 97 – Näheres in „Ich war Einstein“)
    – Zur Kritik kam Paul Bernays, ebenso wie z. B. Friedrich Adler und auch Ernst Mach selbst, gerade in dieser Zeit des Einsteinschen Austauschs seiner Lehrstätten.
    – Inwieweit fehlerhafte Aspekte der Relativitätstheorie angesprochen oder ignoriert werden, taucht nunmehr als eine Frage der unterlegten Ideologie auf; ja, es legt nahe, daß die Relativitätstheorie überhaupt von vornherein ihre Existenz den ideologischen Kämpfen der vorvergangenen Jahrhundertwende – mithin nicht der sachorientierten Physik! – verdankt.
    Es wäre von außerordentlichem Interesse, wenn Herr Ludwig Bernays im HInblick darauf noch ein bißchen Familiengeschichte betreiben könnte.

  3. Die Spezielle Relativitätstheorie wurde schon 1909 durch einen Freund Einsteins widerlegt | Blog - Jocelyne Lopez

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