Kritisches zum Relativitätsprinzip

von Emil Budde

Kritisches zum Relativitätsprinzip [Teil 1]
Kritisches zum Relativitätsprinzip [Teil 2]
Emil Budde
1914 – In: Deutsche Physikalische Gesellschaft.
Verhandlungen Jahrgang 16, 1914, S. 586-612 und S. 914-925.
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Das GOM-Projekt referiert stichwortartig in seiner Dokumentation diese beiden Artikel von Emil Budde:

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Kritisches zum Relativitätsprinzip [Teil 1]

Die Lorentz-Transformationen geben an, wie die Meßwerte in einem Koordinatensystem in ein anderes Koordinatensystem umgerechnet werden können. Dies setzt Messungen voraus: „In der realen Welt sind aber die in irgend einem System K(n+1) gegebenen Beobachter zunächst auf sich und ihre Hilfsmittel allein angewiesen und sind von vornherein nicht in der Lage, ihre Messungen auf ein anderes System K(n) zu beziehen. Wie gestalten sich für sie die Folgen des Relativitätsprinzips und unter welchen Bedingungen sind dieselben auf ihre Beobachtungen anwendbar?“ (S. 587). – In jeder Messung wird eine „Einheit“ und eine „Maßzahl“ angegeben; z.B. die „objektive Länge“ eines Körpers bleibt unverändert, sie kann mit frei gewählten „Einheiten“ gemessen werden, die Maßzahl ergibt sich bei der Messung. Die Maßzahl kann mitgeteilt werden; die Einheit „kann nicht mitgeteilt werden, sondern muß dem, der sie gebrauchen soll, anschaulich vorgezeigt werden. Deshalb versendet man Kopien des Einheitsprototyps“ (S. 588). „ In Gleichungen gehen immer nur diese Maßzahlen ein“ (S. 588). – Rechnet jeweils die Alternativen „mit realer Kontraktion“ und „ohne reale Kontraktion“ in allen Einzelheiten durch; Ergebnis: „Man wird in beiden Fällen auf eine absolute Grundlage, das „ruhende“ System K geführt. Durch die Einführung  des Relativitätsprinzips in die Theorie der Lichtfortpflanzung wird also der Lorentzschen Optik gegenüber kein greifbarer physikalischer Fortschritt gewonnen“ (S. 612).

 Der Ansatz deckt die physikalische Problematik der Transformationen auf: zur Durchführung von Messungen müssen in allen Systemen konkrete Kopien der „Einheitsprototypen“ vorhanden sein; auch deren objektive Unveränderlichkeit ist Voraussetzung.

Folglich erkennt Budde die Realität der Längenkontraktion nicht als nachgewiesen an; keinesfalls kann sie durch die Transformationen bewiesen werden: der unerläßliche konkrete „Einheitsprototyp“ ist der Stolperstein der Theorie. Budde deckt das Geheimnis der Theorie auf: auch sie hat ihr absolut „ruhendes“ System, das sie offiziell für unmöglich erklärt.

Kritisches zum Relativitätsprinzip [Teil 2]

Untersucht die Zeitmessungen im Hinblick auf das Relativitätsprinzip und die Lorentz-Transformation. Es besteht eine weitgehende Analogie zur Analyse der Längenmessungen [in Teil 1]. Man stößt auch hier in der Literatur auf zwei verschiedene Auffassungen, je nachdem, ob die Lorentz-Transformation als rein mathematische Operation behandelt oder „ihr durch Einführung der echten Lorentzkontraktion einen physikalischen Inhalt gibt“ (S. 914).

Die zweite Auffassung, obwohl weit verbreitet, ist nicht zulässig. – Auch hier sind Einheit und Maßzahl zu unterscheiden. Uhren sind Meßinstrumente, die eine Regulierung und eine Einstellung erfordern, die abgelesen werden kann; eine bloß periodische Bewegung ist noch keine Uhr. – Zum Uhrenparadoxon werden stillschweigend zwei  Voraussetzungen gemacht: die zweite besagt, daß eine im bewegten System K richtig regulierte und eingestellte Uhr nach dem Trans- port in ein System K’ dort ihren Gang „ automatisch“ so ändert, daß sie in diesem System richtig geht; „es liegt keinerlei Grund für die Annahme vor, sie müsse sich so ändern, daß sie unter den neuen Verhältnissen gleichfalls richtig geht“ (S. 916). – Erinnert zum Zwillingsparadoxon daran, daß Einstein in seiner Uhren-Synchronisierung „nicht die Uhr durch die Zeit bestimmt …, sondern die Zeit durch die Uhr, und die Regulierung sowie die Einstellung der Uhr ist unter allen Umständen ein willkürlicher Akt, der nicht an der objektiven Zeit T, sondern nur an der Zeitmaßzahl t vorgenommen werden kann“ (S. 918-919). Mit dieser willkürlichen Regulierung kann die objektive Zeit nicht verändert werden: „Der Organismus in der Schachtel lebt nach objektiver Zeit“ (S. 919).

Zitiert (S. 925) zustimmend drei Arbeiten von E. Wiechert (1911), Weinstein (1913) und Gehrcke. (1913).  Die stillschweigend angenommene automatische Umregulierung der Uhr im anderen System ist von Budde erstmalig aufgedeckt worden. Mit dem wichtigen Hinweis, daß Einstein die Zeit durch die Uhr bestimmt (!) und jede Uhr-Regulierung ein willkürlicher Akt ist, wird der Trick gezeigt, mit dem Einstein glaubt, die „objektive Zeit“ abzuschaffen.

 

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