Die Rehabilitierung der Gleichzeitigkeit

von Karl Vogtherr

Die Rehabilitierung der Gleichzeitigkeit
Karl Vogtherr
In: Wissen im Werden, 1958, Heft 4, S.125-143. – Als PDF-Datei online:

„Die spezielle Relativitätstheorie Einsteins befaßt sich, von der physikalischen Seite her gesehen, mit dem Problem der Lichtausbreitung. Es hatte sich herausgestellt, daß die Lichtgeschwindigkeit unabhängig von der Bewegung der Lichtquelle ist (J. Stark, de Sitter), wie dies die ungestörte Ausbildung des Dopplereffekts bei den Komponenten eines Doppelsterns deutlich beweist. Andrerseits hatte das negative Ergebnis des
Michelsonversuchs und anderer Versuche, eine Bewegung der Erde zum Lorentzschen Lichtäther mittels optischer und elektromagnetischer Experimente nachzuweisen, es nagelegt, das Relativitätsprinzip, das bereits für die mechanischen Vorgänge galt, auf alle Vorgänge, auch die elektrischen und magnetischen auszudehen. Einstein nahm also an, daß es allgemein und für alle Vorgänge zutrifft, und daß in allen Inertialsystemen die gleichen Naturgesetze gelten.

Dem schien allerdings der Satz, daß die Lichtgeschwindigkeit unabhängig von der Bewegung der Lichtquelle ist, zu widersprechen. Denn dies schien mit zwingender Notwendigkeit auf ein Medium der Lichtfortplanztung, einen „Äther“, hinzuweisen, der doch andrerseits sich bei der Erdbewegung als „Ätherwind“ auf keine Weise nachweisen ließ.“ …Weiterlesen

 

Das GOM-Projekt referiert stichwortartig in seiner Dokumentation diese Arbeit von Karl Vogtherr:

Vogtherr referiert (S. 126-133) die Hymnen der großen Autoren der Relativistik auf die Relativierung von Zeit und Gleichzeitigkeit (GLZ) durch Einstein. Tenor:

(1) Die GLZ ist der „Angelpunkt“ der Speziellen Relativitätstheorie

(2) Die GLZ entfernter Ereignisse kann nicht bestimmt werden; deshalb ist die Frage nach der GLZ ein Scheinproblem, eine Frage, auf die es keine Antwort gibt; ein Dogma, von dem die Spezielle Relativitätstheorie uns befreit; die Unbeobachtbarkeit der GLZ ist eine rein erkenntnistheoretische Schlußfolgerung.

(3) Da die GLZ nicht beobachtet werden kann, kann sie als Konvention nach freiem Ermessen festgesetzt werden.

(4) Die Tat Einsteins übertrifft an Kühnheit alles bisher Geleistete, ist eine Umwälzung, nur mit Kopernikus zu vergleichen, der tiefste Gedanke der Speziellen Relativitätstheorie.

– Wenn dagegen eine Methode der Verifizierbarkeit für die GLZ angegeben werden kann, dann ist ihre objektive Gültigkeit erwiesen und die Spezielle Relativitätstheorie ihres Angelpunkts beraubt. Die GLZ ist entgegen allen Behauptungen der Relativisten verifizierbar, und zwar in zwei Schritten: zunächst (S. 133-137) innerhalb eines Inertialsystems (IS); dann zwischen zwei Systemen.

– Nimmt als Inertialsystem in genügender Näherung den Raum der Erdoberfläche, in horizontalen Richtungen. Mißt eine beliebig lange Strecke AB aus, bestimmt ihren Mittelpunkt M. Ein Signal mit gleicher Ausbreitungseigenschaft in allen Richtungen wird von M ausgesandt, trifft in den Endpunkten A und B gleichzeitig ein: die Uhren in A und B sind damit synchronisiert, über eine beliebige Entfernung. Bei diesem Verfahren ist weder die Größe der Signalgeschwindigkeit vorausgesetzt noch die  Geichzeitigkeit, es wird auch kein Additionstheorem verwandt. Eine davon abweichende „Festsetzung“ der GLZ nach „freiem Ermessen“ ist damit unmöglich geworden.

Die behauptete Willkür in einer Festsetzung der GLZ führt zum Widerspruch mit dem Kausal- und Energieprinzip, ist also ein Irrtum. „Gleiche Geschwindigkeiten auf gleich langen Wegen führen unter gleichen Umständen unweigerlich auf Gleichzeitigkeit. Wer die Möglichkeit einer auf Messungen beruhenden Naturerkenntnis bejaht, muß auch die Feststellbarkeit der Gleichzeitigkeit zugeben“ (S. 138).

– Die unleugbare Feststellbarkeit der GLZ in zwei Inertialsystemen ist mit der Lorentz-Transformation und der Raumzeit-Union der Minkowski-Welt nicht vereinbar. Die „Zerlegung in Raum und Zeit“ hat – gegen Einsteins Behauptung – sehr wohl objektive Bedeutung. Die „Welt“ Minkowskis sollte die Paradoxa der Theorie auflösen: diese Paradoxa bleiben als tatsächliche Widersprüche bestehen. Wenn die Lorentz-Transformation gültig bleiben soll, so müßten in relativer Ruhe gleichlange Maßstäbe bei relativer Bewegung gleichzeitig kürzer und länger werden, entsprechendes gilt für bewegte Uhren (S. 140).

– Nach F. Severi 1924 und 1925 und O. Garavaldi 1950 ein weiterer Nachweis – mindestens der dritte – für die Möglichkeit, die Gleichzeitigkeit auch für entfernte Ereignisse objektiv festzustellen. Alle drei Nachweise sind frei von Spekulationen, arbeiten nur mit allgemein anerkannten physikalischen Verfahren. Bisher konnte keiner der drei Nachweise widerlegt werden.

– Da Relativisten die kritische Literatur nicht zur Kenntnis zu nehmen pflegen, liegt das Risiko der Ignoranz ganz auf ihrer Seite.

———————————————–

Eine weitere kritische Abhandlung von Karl Voghtherr ist im Forum von Ekkehard Friebe Wissenschaft und moralische Verantwortung online zu lesen:

Wohin führt die Relativitätstheorie?
von Dr. Karl Vogtherr, Leipzig 1923

Vorwort

Vorliegende Veröffentlichung, deren Erscheinen durch die Ungunst der Zeitverhältnisse wesentlich verzögert wurde, ist als Aufklärungsschrift für das gebildete Publikum gedacht, das an der Einstein’schen Relativitätstheorie Interesse genommen hat. Vielleicht vermag sie darüber hinaus auch Fachleuten, die ja erfahrungsgemäß gerade an den Grenzen ihrer Wissenschaft sich oft unsicher fühlen, dies oder jenes zu bieten, zumal da überall genaue Literaturangaben gemacht sind. 

Sollte zuweilen die Kritik die sonst in wissenschaftlichen Streitfragen wohl geübte rücksichtsvolle Form vermissen lassen, so erscheint uns dies dadurch hinreichend gerechtfertigt, daß es der Zweck der Schrift ist, den durch das versuchte Eindringen in die Einstein’sche Lehre etwa verdorbenen oder angekränkelten Verstand in eine wirksame Kur zu nehmen. Übermäßige Rücksichtnahme erscheint auch gar nicht am Platze, wenn es sich um die Verteidigung des gesunden Menschenverstandes handelt und um einen Gegner, der selbst nicht Maß zu halten versteht.

Die Überschwenglichkeiten mancher Relativisten, die Einstein und seiner Lehre eine fast religiöse Verehrung zollen und von ihr eine zweite Renaissance des Menschengeistes ausgehen lassen, sind ja sattsam bekannt. Es wäre gewiß effektvoll, eine Blütenlese davon an den Anfang oder besser an den Schluß unserer Ausführungen zu stellen, wir sind jedoch der Meinung, daß bei den jetzt ungeheuer gestiegenen Kosten nur Gehaltvolles gedruckt werden sollte.

Es ist wirklich sehr an der Zeit, daß die Einstein’schen Ideen aus der Öffentlichkeit verschwinden. Denn sie müssen, früher oder später, unvermeidlich zur Folge haben, daß die Naturwissenschaft, zum mindesten die exakte, bei dem breiten Publikum in Mißkredit kommt, sehr zum Schaden beider und nur zum Vorteil des ohnehin in unseren Tagen üppiger wuchernden Aberglaubens in jeder Form und anderer dunkler Mächte. — Der Verfasser gibt sich der Hoffnung hin, daß die vorliegende Schrift dazu beitragen werde, das unvermeidliche Ende des Einstein’schen Relativismus zu beschleunigen.

Allen Freunden und Gönnern, die trotz entgegenstehender Schwierigkeiten durch ihre Mitwirkung die Herausgabe der Schrift ermöglichten, sei an dieser Stelle herzlichster Dank ausgesprochen. Insbesondere gebührt auch Dank Herrn Professor E. Gehrcke, Berlin, welcher mich bei Abfassung der Schrift durch einige wertvolle Ratschläge unterstützte.

Karlsruhe, im November 1922
Karl Vogtherr

… hier weiterlesen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.