Die Linien des Alten – Einsteins letzte Vision

von Helmut Hansen

Die Linien des Alten – Einsteins letzte Vision
© Helmut Hansen 2009
Das Buch kann kostenfrei vom Dokumentenserver der FU Berlin heruntergeladen werden.

Vorwort

Von Einstein ist der Satz überliefert: Was ist Physik anderes als der Versuch, die »Linien des Alten« nachzeichnen zu wollen.1  Er verstand darunter „den Versuch einer
Nachschöpfung auf dem Wege begrifflicher Konstruktion“.2 Einstein hat entscheidende Beiträge zur Entwicklung der modernen Physik geleistet hat, doch am Ende seines Lebens zweifelte er daran, ob er mit seinen Theorien wirklich die »Linien des Alten« erfasst hatte. Ein Beispiel hierfür ist die von ihm 1905 veröffentlichte spezielle Relativitätstheorie. In und mit ihr hatte er die Lichtgeschwindigkeit c als eine fundamentale Konstante der Natur identifiziert, wenige Jahre vor seinem Tod indessen bezweifelte er dies. Er sah in ihr plötzlich nicht mehr als eine nur scheinbare Konstante. Er war davon überzeugt, dass diese Konstante eines Tages, wenn Physiker tiefer in das Geheimnis der Natur eindringen würden, auf eine reine Zahl, wie z.B. e oder Pi, zurückgeführt – und dass sich am Ende eine derartige Zahl als die eigentliche und wahre Naturkonstante erweisen würde.

In Ermangelung einer physikalischen Grundlage vertraute er diese Vision jedoch keinem wissenschaftlichen Papier an.3 Wir wissen von ihr lediglich aufgrund von privaten Briefen. Diese Briefe sind an eine ehemalige Studentin gerichtet, die bereits in den 20er Jahren seinen Berliner Vorlesungen gelauscht hatte. Auch diese junge Frau beschäftigte sich mit der Frage nach dem Ursprung der Naturkonstanten. Ihr Name: Ilse Schneider-Rosenthal. 4

Da sie über dieses Rätsel viele Jahre intensiv nachgedacht hatte, ohne jedoch zu einem Ergebnis gelangt zu sein, wandte sie sich am 22. Februar 1945 mit diesem Problem an ihren einstigen Universitätslehrer Albert Einstein. Zu ihrer Überraschung antwortete Einstein umgehend. Aufgrund dieser privaten Briefe haben wir nicht nur Kenntnis von Einsteins »letzter« Vision, sondern auch von den Gründen, die ihn dazu brachten, an sie zu glauben.

Diese Gründe erläuterte er am Beispiel der Eulerschen Zahl e. Die Zahl e ist die Basis des natürlichen Logarithmus und spielt in der Differential- und Integralrechnung eine wichtige Rolle. Diese Zahl unterscheidet sich, wie Einstein betonte, vom ‚Rest der Zahlen’ dadurch, dass sie durch eine transparente Konstruktion aus 1 hervorgeht.

e = 1 + 1 + 1/2 ! + 1/3! + …

Wenn es wahre Naturkonstanten gibt, dann mussten es, so Einstein, Zahlen wie e oder Pi sein.

In Naturkonstanten, wie z.B. der Lichtgeschwindigkeit, die nur empirisch bestimmt waren, sah er eine Unzulänglichkeit unseres physikalischen Wissens über die Welt. Eine Theorie, die in ihren Grundgleichungen eine solche nur empirisch ermittelte Zahl enthielt, bestünde, wie er vermutete, »aus logisch voneinander unabhängigen Brocken«. Er könne sich jedoch, wie er betonte, keine einheitliche und vernünftige Theorie vorstellen, welche entsprechend der Laune des Schöpfers ebenso gut anders hätte ausfallen können. Er räumte ein, dass er dies natürlich nicht beweisen könne. Es gäbe bislang noch keine Theorie, die einer so radikalen Forderung genügen würde. Es sei, wie er mutmaßte, bei einer derartigen Theorie infam schwer, überhaupt bis zu prüfbaren Folgerungen durchzudringen.

Die hier von Einstein erahnte Theorie sollte bis heute eine Vision bleiben. Das vorliegende Buch „Die Linien des Alten“ möchte zeigen, wie diese Vision Wirklichkeit werden könnte. Es zeigt den Grundriss zu einer solchen radikalen Theorie – einer Theorie, die zugleich so fundamental ist, dass man nicht umhin kann, von den „Linien des Alten“ zu sprechen.

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Siehe auch in diesem Blog ein Kommentar von Helmut Hansen zum Artikel von Johannes Rasper „Anmerkungen zur Relativitätstheorie

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