Herbert Dingle: Beispielhafte Charakterstärke als überzeugter Anhänger und überzeugter Kritiker der Relativitätstheorie

von Herbert Dingle 

Das GOM-Projekt referiert stichwortartig in seiner Dokumentation mehrere Arbeiten aus dem umfangreichen Werk von Herbert Dingle:

1928 – The understanding of relativity [Teil 1]
In: Nature. London. Vol. 122. 1928, Nr. 3079, 3.11.28, S. 673-675. 

Bekennt sich im Schlußabsatz ausdrücklich als unzweifelhafter Anhänger der Theorie („Relativity represents a great advance of the vanguard of human thought“, S. 675): Gegenstand seines Aufsatzes ist daher nicht Kritik der Theorie, sondern des weit
verbreiteten Zustands, daß das breite Publikum außerhalb des Kreises der Fachleute und Eingeweihten die Theorie nicht versteht und deshalb nur blind glaubt. Beklagt wird also der Zustand der Vermittlung. 

– Sieht die Ursachen dafür in der Flut inkompetenter Darstellungen, die den Eindruck vermitteln, die Theorie sei zu schwer zu verstehen. Es besteht daher ein eklatanter Widerspruch zwischen dem Erfolg der Theorie bei den Fachleuten und deren Versagen bei der Vermittlung an die Öffentlichkeit. Bekennt sich selbst als „possible contributor to the failure“ (S. 673). 

– Er sieht die Gefahr, daß ein Laie, der die Theorie für absurd hält, aber an sie glaubt, auch noch andere Absurditäten schlucken wird, weil er sein Selbstvertrauen verliert: „The moment a man, however humble und unspecialized he may be, loses the confidence to say ‘That is nonsense’, to anything which violates his experience, by whomsoever and in whatsoever name it may be pronounced, he has lost, if not his senses, at least everything that makes them significant“ (S. 674). Dingles Botschaft 1928: Die Theorie ist ber jeden Zweifel erhaben; das breite Publikum ist ungläubig und zweifelt, aber glaubt blind; Schuld daran sind die unzulänglichen Vermittlungen und Vermittler, er selbst eingeschlossen. Dingle ist zwar über diesen Stand der Dinge beunruhigt, eine direkte Kritik der Theorie liegt aber nicht vor. 

– 28 Jahre später bricht er mit seinem Aufsatz „Relativity and space travel“ (Nature. 177. 1956, S. 782-784) mit der offiziellen Physik-Relativistik und nennt den Aufsatz von 1928 als seine früheste Kritik der Theorie. 

– Der Aufsatz von 1928 macht insgesamt einen ambivalenten Eindruck, den der Autor später als eindeutige Kritik sieht. Diese nachträgliche Deutung durch den Autor erscheint nur insofern berechtigt, daß er bereits 1928 alle jene Einzelfragen analysiert, in denen die Vermittlung an das Publikum auf Probleme stößt und versagt: er signalisiert deutliches Verständnis für diese Probleme und thematisiert damit indirekt immerhin schon die Hauptpunkte seiner späteren Kritik. 

– Insgesamt ist in Dingles pessimistischer Beurteilung der Vermittlung der Theorie eine heimliche Befürchtung zu spüren hinsichtlich ihrer Rechtfertigung: hierin steckt ein kritischer Ansatz, fern von der üblichen Prahlerei der Relativisten. 

– Seine Behauptung, das allgemeine Publikum glaube „blind“ an die Theorie und verstehe sie nicht, ist in mehreren Zuschriften kritisiert worden; teils meinen die Diskutanten irrtümlich, er habe gemeint, man müsse der Theorie blind vertrauen, weil man sie nicht verstehen könne. 

 

1934 – Physics and the public mind
In: Nature. London. Vol. 133. 1934, Nr. 3370, S. 818-820

Behandelt die Darstellung und Begründung der neuen Entwicklungen in der Physik am Beispiel der Quantentheorie. Kritisiert bestimmte Argumentationslinien und Behauptungen von Dirac, Eddington und Jeans, die ihre eigenen Voraussetzungen negieren und dadurch selbst unhaltbar werden. 

– Hauptkritikpunkt ist die verbreitete Tendenz der Physik, Widersprüche und Probleme ihrer Theorien als durch die Mathematik bestätigt zu erklären; zitiert aus dem jüngst erschienenen Buch eines promovierten Naturwissenschaftlers (ohne Angabe des Namens) die Passage: „The mathematicians are among the most trustworthy of intellectual guides. Physics is essentially a mathematical subject, and over some of the ground we have to traverse the experimental physicist will still accompany us, but eventually we may have to trust the mathematician alone“ (S. 819). Dagegen wendet Dingle ein: „Conclusions are presented as mathematically demonstrated which mathematics has not only not demonstrated but is inherently incapable of demonstrating. […] Once the supreme expression and inspired Word of Reason, it has become an indulgence, granting absolution for the wildest excesses of irrationality“ (S. 819). 

Obwohl dieser Aufsatz die Relativitätstheorien mit keinem Wort anspricht, nennt Dingle ihn in seinem Aufsatz „Relativity and space travel“ (1956) als eine frühere Stellungnahme gegen die Fehlentwicklung der Speziellen Relativitätstheorie. Die methodischen Analogien sind klar zu erkennen: offensichtliche Widersprüche werden nicht plausibel erklärt und ausgeräumt, sondern als durch die Mathematik bewiesen hingestellt und somit als Grundlage der Theorie angenommen. Damit wird suggeriert, daß die Mathematik das Unlogische beweisen kann. Sieht darin eine Bedrohung der Freiheit des Denkens, der Rationalität und der Kritik. 

 

1937 – Modern Aristotelianism
In: Nature. London. Vol. 139. 1937, Nr.3523, S. 784-786.   

– Kritisiert eine Tendenz der modernen Physik zur Ableitung von Gesetzen aus a priori angenommenen Prinzipien, die zum Dogma erhoben werden: sieht darin eine neue Form des Aristotelismus, die dem Ansatz von Galilei und Newton zuwiderläuft, physikalische Gesetze aus Beobachtungen abzuleiten. 

– Belegt diese Tendenz mit einem Zitat von E. A. Milne, 1937: „It is, in fact, possible to derive the laws of dynamics rationally … without recourse to experience“ (S. 784). Hält diesen modernen Aristotelismus für einen gravierenden Fehler. 

– Nennt als Beispiel die Anwendung der Relativitätstheorie auf das gesamte Universum, wozu Annahmen gemacht werden, „which by now have become dogmas“ (S. 785): (1) Das Universum sei homogen. (2) Das Universum sei isotrop. Zweck der Annahmen ist es, die zahllosen Alternativen auszuschließen, um mathematische Berechnungen anstellen zu können. Zitiert Stellungnahmen von Eddington, Milne und Dirac. „The question presented to us now is wether the foundation of science shall be observation or invention. […] Instead of the induction of principles from phenomena we are given a pseudo-science of invertebrate cosmythology, and invited to commit suicide to avoid the need of dying. […] It is the noblest minds that are o’erthrown, the expectancy and rose of the State which was lately so fair and in which there is now something so rotten that the very council of the elect can violate their charter and think it is doing science service“ (S. 786). Letzteres bezieht sich auf die eingangs zitierte „ First Charter of the Royal Society , 1662, worin Experimente als die Grundlage der Erkenntnis bezeichnet sind.

Eine Physik, die sich Prinzipien erfindet, wird zur „pseudo-science“: hier wird zwar noch keine direkte Kritik der Relativitätstheorie vorgetragen; Dingle verweist jedoch in seinem späteren Aufsatz „Relativity and space travel“ (1956), mit dem er sich gegen die Physik-Relativistik stellt, auf diesen Aufsatz von 1937 als eine frühere kritische Stellungnahme hin.

– Prangert hier schon die Methodik der freien Erfindung von Prinzipien an, ihre Erhebung zu Dogmen und Begründung durch eine „spineless rhetoric the irrationality of which is obscured by a smokescreen of mathematical symbols“ (S.784), die er später der Relativitätstheorie selbst vorwerfen wird. 

 

1939 – The relativity of time [1. Beitrag]
In: Nature. London. Vol. 144. 1939, no. 3656, S. 888-890. Erwiderung von M. H. A. Newman (S. 1046-1047) u. anschließende Antwort von Dingle. 

Trennt grundsätzlich zwischen Längenkontraktion und Zeitdilatation. Die Längenkontraktion ist aus der Theorie ableitbar, obwohl er auch gewisse Schwierigkeiten sieht: „The word ‘contraction’ is, of course, to some extent metaphorical, because the scale which is said to be contracted is simply the one on which the observer is not situated“ (S. 888); außerdem ist für die Längenkontraktion durch den Michelson-Morley-Versuch u.a. Versuche „circumstantial evidence“ gegeben. Dagegen: „There is no evidence of any kind for the definite retardation of clocks, and it is impossible that there could be, for there is in physics no explicit definition of a clock. The statement that a clock is slowed down in such and such a proportion is therefore meaningless“ (S. 888).

– Führt Sanduhrverfahren (Masse- u. Volumens-Uhren) ein und demonstriert daran die fehlende definitorische Klarheit: denn die Spezielle Relativitätstheorie  macht keine Angaben über die Konstruktionsmerkmale der zu verwendenden Uhren. Man kann Verschiedenes messen: die Zahl der Sandkörner oder ihr Volumen oder ihre Masse.

– Bestreitet ferner einen Fundamentalsatz der Theorie (S. 890): „The frequently heard statement that relativity has brought about a fusion of space and time has nothing mystical about it and it is not true. It is not mystical because the ‘nature’ of space and time is not involved; all that we are concerned with is the fitting together of measurements made in various ways. The statement is not true because the fusion of space and time, in the only sense in which it exists, was made by Newton when he chose, as a measure of time, the spaces covered by a freely moving body.“

Bei Einstein 1905 kam die Zeit ganz simpel aus der Uhr: Zeit ist, was die Zeiger anzeigen. Mit dem grundsätzlichen Bestreiten einer definitiven Uhrenmessung und der Demontage von Minkowskis schöner Raumzeit übt Dingle eine massive Kritik, obwohl er die Theorie als Ganzes noch anerkennt. In seiner eigenen Position brechen jetzt deutliche Widersprüche auf, aber die Argumentationslinie seiner Kritik erweitert sich erheblich. 

 

1953 – Address delivered by the President, Professor H. Dingle, on Science and modern cosmology 
In: Royal Astronomical Society, London. Monthly notes. 113. 1953, Nr. 3, S. 393-407. 

– Kritisiert die Verkündung eines „cosmological principle“, demzufolge im Kosmos ständig neue Materie erschaffen wird; ferner das weitere „perfect cosmological principle“, demzufolge „the universe presents the same aspect from any place at any time“. An Beweisen für das erste Prinzip gibt es lediglich eine grobe Annäherung durch Beobachtung einer gleichmäßigen Materieverteilung im uns zugänglichen Ausschnitt des Kosmos; für das zweite Prinzip „there is no evidence of any kind at all“ (S. 396). Diese völlig unzureichend begründeten „principles“ werden als so grundlegend hingestellt, daß nach H. Bondi „in any conflict between general relativity and the cosmological principle it seems that it is general relativity that must be abandoned“ (S. 396).

– Diese Behauptungen der Kosmologen beruhen auf der Doktrin, „that the laws of nature can be derived by reason without recourse to experience“ (S. 397).

– Das Aufkommen dieser Auffassung wurde durch die Relativitätstheorie ausgelöst, die mit der Betrachtung von Koordinatensystemen eine Fiktion eingeführt hat: „a coordinate system is an invention of the scientist. It is not itself something found in experience. […] every element of this coordinate system – the origin, axes, graduation, velocity – is arbitrary, to be chosen as the investigator thinks convenient“ (S. 398-399).

– Anläßlich der Interpretation der Sonnenfinsternis-Beobachtungen von 1919 „a coordinate system … was transformed into an <observer>“: nennt dies einen „process by which this essentially scientific procedure became degraded into unscientific romanticizing“ (S. 400); folglich wurden zwei „Beobachter“ miteinander verglichen, anstatt zwei arbiträr gewählte, fiktive Koordinatensysteme. 

– Nach E. A. Milnes „theory of kinematical relativity we do not start with observation; we start with a universe full of supposititious observers …“ (S. 401). „It is very difficult to describe this work objectively without giving an impression of satire …“ (S. 402).

– Kritisiert mit keinem Wort die Substanz der beiden Relativitätstheorien, deckt jedoch unnachsichtig die Einführung von Fiktionen auf, die als physikalische Wirklichkeit ausgegeben werden.

– Nennt diese Ansprache vor der R. Astronomical Society drei Jahre später in seinem Aufsatz „Relativity and space travel“ (1956) als eine frühere Kritik der Relativitätstheorie: die Kritik bezieht sich 1953 jedoch nur auf Methodisches, nämlich die Einführung von Fiktionen ohne physikalische Wirklichkeit. 

 

1956 A problem in relativity theory 
In: Physical Society. London. Proceedings. Sect. A. 69. 1956, Nr. 444 A, S. 925-935. 

Abstract (S. 925): „ (3) The familiar expression, ‘time retardation’, does not relate to a physical change experienced by a clock but to a comparison of times of an event by two clocks, at least one of which is not present at the event. When both are present the discrepancy vanishes. A similar remark applies to the ‘Lorentz contraction’ of moving rods.“ 

 

1956 – Relativity and space travel [1. Beitrag]
In: Nature. London. Vol. 177. 1956, No. 4513, 28. April, S. 782-784. 

– Kritisiert die 1956 erstmals als aktuell diskutierten Möglichkeiten der Raumfahrt, der Raumreisende kehre wegen der Zeitdilatation von seiner Reise jünger zurück als sein auf der Erde gebliebener Zwillingsbruder: dies wird von Physikern in der Öffentlichkeit als real dargestellt, mit genauen Berechnungen über die Größenordnung der Verjüngung. Sieht in derartigen Behauptungen eine direkte Verneinung des Relativitätsprinzips (RP) (a direct denial of the principle of relativity).

– „If the public is led to believe  that there is scientific sanction for the idea that it is possible to postpone the date of one’s death by space travel, some very undesirable consequences might ensue“ (S. 782). Daher muß diese Frage dringend öffentlich geklärt werden.

– Das RP ist fundamental; es definiert die relative Bewegung zwischen zwei Körpern, nicht etwas über den einen oder den anderen Körper: „that the motion is a relation between them and not something belonging to one or the other, so that all its effects, if any, must apply equally to both“ (S. 783). Daher kann der Uhr des Raumfahrers nichts geschehen, sie zeigt nach der Rückkehr dieselbe Zeit an wie die Uhr des auf der Erde gebliebenen Zwillings: „The observers will have „lived“ the same time and made the same progress towards the tomb“ (S. 783).

– Bezeichnet die Behauptung der Physiker von Verjüngung durch Raumfahrt als „wholesale abandonment of even elementary reasoning“, „a triumph of magic over reason, and the state of mind thus engendered exposes us to dangers which it is impossible to exaggerate“; „I know of no other example in the history of science in which such fantastic propositions have been put forward as sober scientific truth“; die Theorie hat einen „ paralysing effect upon the reason, which is not excusable“ (S. 783). 

– Einsteins Abhandlung 1905 enthält einen Irrtum in der Behauptung, daß eine im Kreis bewegte Uhr bei der Rückkehr zu ihrer Ausgangslage eine Zeitverzögerung aufweist.

– Verweist auf mehrere eigene Beiträge der Jahre 1928, 1934, 1937 und 1953, in denen er diese Kritik bereits vorgetragen hatte.

Nach 25 Jahren überzeugter Anhängerschaft und erfolgreicher Autorentätigkeit für die Relativistik beginnt 1956, anläßlich der Diskussion über die Verjüngung durch Raumfahrt, Dingles Bruch mit der offiziell verkündeten Physik. Er ist einer der frühen Kritiker, die die katastrophalen Folgen des Irrationalismus der Theorie für die Gesellschaft sehen. Dingle ist diesen Weg weitergegangen mit allen bitteren Konsequenzen, bis in die soziale Isolation, worüber er in seinem Buch „Science at the crossroads“ (1972) Rechenschaft gibt.

Eine Biographie dieses imponierenden, unabhängig denkenden und urteilenden und charakterlich integren Menschen, der beide Positionen zur Theorie gelebt hat, ist ein dringendes Desiderat der Physikgeschichte des 20. Jh.: ohne sie kann niemand eine gültige Geschichte der Kritik der Relativitätstheorien schreiben.

In der Fußnote 4 (S. 784) identifiziert Dingle sich als der Autor „H. D.“ der Aufsätze in Nature 1928, was schon immer zu vermuten war.

 

1956 – Relativity and space travel [2. Beitrag]
In: Nature. London. Vol. 177. 1956, Nr. 4513, S. 785. Antwortet auf vorausgehenden Beitrag von McCrea: S. 784-785. 

Antwortet McCrea u.a. zu zwei Punkten:
(1) Entscheidend ist, ob die beiden Uhren des UHP nach ihrem Zusammentreffen verschiedene Zeiten anzeigen oder nicht. 
(2) McCrea hatte Dingle vorgeworfen, er habe Einsteins „all-important postulate of the existence of inertial frames of reference“ nicht erwähnt: Dingle stellt fest, daß er in Einsteins Abhandlung 1905 ein solches Postulat nicht findet. 

 

1957 – The clock paradox in relativity
In: Nature. London. Vol. 180. 1957, Nr. 4597, S. 1275-1276. Erwiderung auf C. G. Darwin: S. 976-977. 

Stellt fest, daß keiner seiner Diskussionspartner auf sein Argument der strikten Symmetrie aufgrund des Relativitätsprinzips eingeht und es widerlegt. „ All this, of course, is only an involved way of expressing the simple argument already cited, on which strange silence is maintained. Critics would save themselves many headaches if they would find the flaw in that instead of devising new ways of bypassing it“ (S. 1276).

Dingle stößt hier auf die Taktik der Relativisten, auf vorgetragene Argumente der Kritik nicht einzugehen, weil sie sie nicht widerlegen können. Sein weiterer Weg als Kritiker wird diesen Sachverhalt immer krasser ins Licht rücken. 

 

1957 – The resolution of the clock paradox
In: Australian journal of physics. 10. 1957, Nr. 3, S. 418-423. Bezug auf Beitrag von G. Builder: Nr. 2, S. 246-262: The resolution of the clock paradox. 

Builder erwartet im nur beschriebenen Experiment mit 2 Beobachtern, die sich voneinander entfernen und wieder zusammentreffen, eine Asymmetrie ihrer Uhrenablesungen. Dies widerspricht der Aussage des RP, „that nature allows of no criterion for deciding which of two relatively moving bodies is the „moving“ one“ (S. 423). Builder macht zwei Fehler:

(1) er unterscheidet nicht zwischen „observed times“, die mit einer Uhr am Ort des Ereignisses gemessen werden, und den „coordinate times“, die von der Wahl des Koordinatensystems abhängen und nach Belieben gewählt werden können, je nachdem welche Geschwindigkeit man der Uhr in Bezug auf welchen Bezugspunkt zuspricht; 

(2) Builder wählt ein Wertepaar (von 4 Werten), das man aufgrund des RP auch anders wählen kann (nämlich genau das andere Wertepaar) und dann das entgegengesetzte Ergebnis erhält, womit ein Widerspruch in der Theorie besteht, der bisher nicht aufgelöst worden ist.

Dingle bringt hier bereits die Frage vor, auf die er später jahrelang – in theologischer Demut – von mehreren Instanzen und Autoritäten in Großbritannien Antwort verlangen wird, auf die er aber nur das verbissene Schweigen des Establishments erntet: Wie entscheidet die Theorie die Frage, welches von zwei Inertialsystmen … ? Dingle und mehrere andere Kritiker zeigen, daß die Theorie bereits durch konsequente Anwendung ihres eigenen „Relativitätsprinzips“ mit voller Gegenseitigkeit widerlegt wird. 

 

1957 – Space travel and ageing: [Brief an den Herausgeber]
In: Discovery. 18. 1957, Nr 4, S. 174. 

Trägt wieder seine Argumentation vor, daß das Relativitätsprinzip strikte Reziprozität verlangt, weshalb nach Rückkehr der Uhr (oder des Reisenden) kein Zeitunterschied zwischen beiden Uhren bestehen kann. „I have vainly appealed to many eminent persons who have written me on this subject, to tell me what is wrong with this argument, but have not succeeding in eliciting even one distant comment on it: it is avoided like a plague. – May I now ask Sir Ronald Fisher or, once more, Prof. McCrea, or anyone at all, to tell me which step (1), (2), or (3) in the argument is wrong, and why? It should be so simple, and the result would be conclusive. […] Will no one come to my assistance?“ 

 

1958 – The interpretation of the special relativity theory 
In: Institute of Physics. London. Bulletin. 9. 1958, S. 314-316. 

Zitiert zwei aktuelle kritische Stellungnahmen: 

(1) Heisenberg (The physicist’s conception of Nature. London 1958, S. 48) verweist  auf das ungelöste Problem, daß in der Quantenmechanik die genaue Feststellung des Ortes eines Teilchens zu einer völligen Ungewißheit über seine Geschwindigkeit führt, die der behaupteten Lichtgeschwindigkeit als Maximal-geschwindigkeit widerspricht. 

(2) Auf der United Nations Conference on the Peaceful Uses of Atomic Energy in Genf (The Times. 1958, 11. Sept.) hat H. Yukawa diese Schwierigkeit als so groß dargestellt, daß „it would probably be found necessary to have a breakdown of the special theory of relativity“ (S. 314).

– Dingle selbst hat eine weitere Reihe von Unstimmigkeiten in der Speziellen Relativitätstheorie entdeckt, die zwar noch keine Aufgabe der Theorie, aber doch eine Revision erfordern. 

 

1962 – Special Theory of Relativity
In: Nature. London. Vol. 195. 1962, No. 4845, 8.Sept., S. 985-986. 

Two years ago I pointed out what appears to be an inconsistency in the kinematical part of Einstein’s special theory of relativity. I repeated this in a slightly different form in a volume published in December last. No comment has been made on the former publication, either spontaneously or in response to individual requests, and in none of the many reviews of the latter has even an oblique attention to the criticism appeared. In view of its profound and far-reaching consequences if it is valid there can be no justification for leaving a twice-published criticism without a published refutation if it is not“ (S. 985).

Dingle denunziert das Totschweigen der Kritik durch die Relativisten: aber auch auf diese Denunziation, über die Jahre hin immer wieder vorgebracht, wird er keine Antwort erhalten.

– Solange die „Omertà“ der Mafia derart perfekt aufrechterhalten wird, droht der Theorie keine Gefahr. 

Dingle erlebt, daß man eine Theorie, die sozial abgesichert ist, physikalisch nicht zu kritisieren braucht. Eine Kritik, auf die niemand antwortet, hat nie stattgefunden: das ist das Operationsgeheimnis der Relativisten. 

 

1964 – Reason and experiment in relation to the special relativity theory
In: British journal for the philosophy of science. 15. 1964/65, Nr. 57, S. 41-61. 

Die Zuschriften auf seinen Beitrag in „Nature“  (195. 1962, S. 985) hat er zunächst dort (197. 1963, S. 1248 u. 1288) beantwortet; sie haben jedoch einen derartigen Umfang angenommen, daß er aus Raumgründen die Diskussion darüber an anderer Stelle weiterführen möchte.

– Erkennt in den Zuschriften vor allem zwei Standpunkte:

(1) Einsteins Folgerungen müssen richtig sein, weshalb seine Kritik falsch ist. Keiner der Korrespondenten dieser Gruppe zeigt ihm jedoch den Fehler in seiner Kritik.

(2) Er, Dingle, macht elementare Anfängerfehler; die Korrespondenten gehen deshalb auf seine Argumente nicht ein. Bilanz: „The specific questions which I have put … have been universally ignored“ (S. 42).

– Wenn ein Experiment von Kantor (1962) sich als einwandfrei erweisen sollte, „we can conclude … that special relativity theory is untenable“  (S. 58).

– Beklagt abschließend die Haltung der Relativisten, jede Kritik als Mißverständnis abzuwerten: „Unfortunately, the dogma that a refusal to accept special relativity theory is necessarily based on a misunderstanding of it has become so powerful that it is almost impossible for serious criticism to be read with sufficient care to evoke the awareness that it merits attention“ (S. 60).

– Zitiert als Beispiel für diese Haltung H. Arzeliès (1961): „La discussion sort du domaine de la physique; elle relève de la psychologie expérimentale ou de la psychiatrie. Je dis cela très sérieusement, sans aucune ironie … De toute façon, continuer à discuter entre physiciens, avec des arguments de physique ou de mathématique, est une perte de temps“ (S. 60, Fußnote). Damit gilt für Arzeliès jegliche Kritik von vornherein als erledigt. So hätten die Relativisten es gern: die Theorie ist unfehlbar, und es gibt kar keine Kritik, sondern nur „Fehlinterpretationen“, wie es mehrere ihrer Bücher bereits im Titel ausdrücken: „Interpretationen und Fehlinterpretationen …“; man möchte den Kritikern damit sogar den Status des Kritikers absprechen! Arzeliès geht noch einen, den vorerst letzten Schritt weiter: diese Leute (die Kritiker) sind krank, sie gehören in psychiatrische Behandlung, aus dem Verkehr gezogen, und das meint er „ très sérieusement“, damit kein Zweifel bleibt. 

Wo waren die Physik und die übrige Naturwissenschaft 1961: haben sie Einspruch gegen Arzeliès erhoben, haben sie ihre eigenen Andersdenkenden geschützt? Wo sind sie heute? Das sind die Methoden des Stalinismus in der Relativistik, im Westen allerdings nicht so leicht zu machen. 
Dingle als einer der direkt Betroffenen reagiert sanft resigniert, immer noch auf Gesprächspartner hoffend. 

 

1972 – Science at the crossroads
London: Brian & O’Keeffe 1972. 256 S. 

Gibt im ersten Teil („The moral issue“, S.9-117) einen ausführlich dokumentierten Bericht über seine jahrelang öffentlich vorgetragene Kritik der Theorie, seine Forderung nach einer öffentlichen Antwort in der Sache; seine ebenso jahrelangen Versuche, eine der eigentlich fachlich zuständigen Gremien und Instanzen oder herausragende Persönlichkeiten in Großbritannien zu einer Stellungnahme zu bewegen; und über sein Scheitern: „How can such a situation as that which I have described have arisen in a movement whose sole aim is the discovery of truth, and which has not only nothing to gain by departing from that aim, but also the certainty that the departure will ultimately be discovered?“ (S. 116). Bekennt, daß er in gewissen Augenblicken nicht mehr sicher ist, daß nicht ein vorsätzliches Abweichen von der Rechtschaffenheit vorliegt (a conscious departure from rectitude): „How, then, can they behave as they do?“ (S. 117).

– Versucht im zweiten Teil („The intellectual issue“, S. 121-222) die Ursachen und Motive für die moralische Katastrophe der Physik aufzudecken.  Nennt 4 „basic misunderstandings“:
(1) Verhältnis zwischen Mathematik und Physik;
(2) eine Konfusion über den Zeitbegriff;
(3) die Bezeichnung der Koordinatensysteme als „observer“;
(4) die wörtliche Deutung von Metaphern.

– Schluß: „Unless, therefore, the facts related in Part One should lead to the awakening of physicists of influence – either directly or through the compulsion of outside pressure – to an awareness of the state into which they have unconsciously lapsed, it will remain unheeded until the time comes when they will bitterly but vainly regret the lost opportunity of merely making themselves ridiculous“ (S. 222).

Dingles bittere Bilanz verlangt Respekt: er hat als überzeugter Anhänger und als überzeugter Kritiker eine beispielhafte Charakterstärke bewiesen. Ohne eine Biographie dieses Mannes wird niemand eine gültige Geschichte der Kritik schreiben können.

Aus seinen verzweifelten Fragen am Schluß gibt es einiges zu lernen:
(1) Die Branche hat andere Interessen als die „discovery of truth“.
(2) Sie weicht vorsätzlich von der Rechtschaffenheit ab.
(3) Die Branche glaubt sich so mächtig, daß sie eine Entdeckung der „Abweichung“ für immer verhindern kann.

Soweit nur aus Dingles Veröffentlichungen zu entnehmen ist (und deshalb wäre eine Biographie unerläßlich), hat er über seine Situation in Großbritannien hinaus nicht wahrgenommen, wie es den Kritikern in anderen Ländern ergangen ist: eine Internationale der Kritiker hätte das Lügensystem der Relativistik vor ein öffentliches Tribunal gezogen, und sie wird es einmal tun. Dingle hat leider nicht mehr erlebt, daß es heute eine ganze Schicht von kritischen Periodika und Veranstaltungen gibt, die die verlorengegangene Freiheit der Wissenschaft in die Physik wiedereinführen werden. 

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Siehe auch in diesem Blog: Herbert Dingle: vom Einstein-Fan zum Kritiker

Siehe im Rahmen der Unterschriftenaktion „Zwillingsparadoxon“ von NPA: Dingle’s Question 

2 Antworten zu “Herbert Dingle: Beispielhafte Charakterstärke als überzeugter Anhänger und überzeugter Kritiker der Relativitätstheorie”

  1. Herbert Dingle

    Guter Beitrag, danke!

    Herbert Dingle

  2. Relativitätstheorie: Betrug durch Schweigen und sprachlichen Wirrwarr | Blog - Jocelyne Lopez

    […] befolgt brav die Strategie „Marginalisierung durch Nichtbeachtung“ oder den historischen Fall Herbert Dingle), oder eben einen unverbindichen sprachlichen Wirrwarr von sich geben. Jedes Wort eines namentlich […]

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