A la recherche de la réalité physique

von Paul Chambadal

Die Forschungsgruppe G.O. Mueller referiert stichwortartig in ihrer Dokumentation zwei Arbeiten von Paul Chambadal:

1969 – A la recherche de la réalité physique 
Paris: Blanchard 1969. 256 S.-  open-library

– Avant-propos: Die Physik ist nicht in der Lage, die beiden fundamentalen Größen Masse und Energie zu definieren (S. IX).

– Die Spezielle Relativitätstheorie läßt die Werte für Längen und Zeitdauern variieren, von einem Beobachter zum anderen (d’un observateur à un autre). Aufgrund der Reziprozität der Bewegungen sind die Längenkontraktionen und Zeitdilatationen, die jeder Beobachter dem anderen zuschreibt, nicht wirkliche, sondern ausschließlich scheinbare (pas réelles, mais uniquement illusoires) (S. X).

– Während Chambadal einige Aspekte der Speziellen Relativitätstheorie akzeptiert, kritisiert er (S. 149-169) entschieden und grundsätzlich die Behauptung einer asymmetrischen Zeitdilatation, die ihren Ausdruck im Uhrenparadoxon und Zwillingsparadoxon findet, nach ihrem ersten Befürworter auch „paradoxe de Langevin“ genannt. Diese Asymmetrie wird von der Mehrheit der Physiker akzeptiert, aber sowohl von Gegnern als auch von Anhängern der Theorie abgelehnt (S. 150). Hält deshalb eine ausführliche Begründung für nötig. Das Argument der beschleunigten Bewegungen bei Beginn, Umkehr und Ende der Reise und die Unzulässigkeit einer Anwendung der Lorentz-Transformationen (LORTF) auf sie kann wegen ihres geringen Anteils vernachlässigt werden. Nur die Bewegungen der Zwillinge relativ zueinander (einer reist, einer bleibt zurück auf der Erde) sind Gegenstand der Theorie; ihre relative Geschwindigkeit geht nur im Quadrat in die LORTF ein, weshalb auch die Bewegungsrichtung keinen Einfluß hat. Nach dem Wiederzusammentreffen gilt für beide Zwillinge dieselbe Zeit, sie sind unverändert gleich alt (S. 151).

– Zitiert Eddingtons Rechnung (der Reisende altert 1 Jahr, der Zurückbleibende altert 70 Jahre), der das asymmetrische Altern des Reisenden u.a. mit der durch die Geschwindigkeit erhöhten Masse aller Materieteilchen in dessen Körper begründet; zitiert anschließend gegenteilige Aussage von Eddington, wo er jegliche Asymmetrie verneint und auf voller Reziprozität besteht (S. 153). Referiert verschiedene vergebliche Versuche zur Begründung der Asymmetrie; allen gemeinsam ist eine heimliche geozentrische Konzeption, die für den Zurückbleibenden unbegründeter unbegründeterweise eine absolute Ruhe anzunehmen scheinen, was jedoch von der Theorie ausgeschlossen wird (S. 157).

– Entwickelt eine eigene Auflösung des Zwillingsparadoxons unter Annahme eines Fixsterns, der sich zur Erde in konstanter Position und Abstand, also relativer Ruhe befindet (S. 159-163): verwendet dabei die relativistischen Effekte Längenkontraktion, Zeitdilatation und relativierte Gleichzeitigkeit, die sich jedoch als nur scheinbare aufheben.

Chambadal ist ein Beispiel für eine besondere Position innerhalb der Kritik der Speziellen Relativitätstheorie, die einerseits die Theorie als Ganzes ausdrücklich akzeptiert, andererseits auf der vollen Reziprozität aller Bewegungen und Inertialsysteme rigoros besteht und folglich den beiden Haupteffekten der Einsteinschen Kinematik (Längenkontraktion, Zeitdilatation) jegliche Realität abspricht, sie stattdessen als nur scheinbar, unwirklich, rein perspektivisch oder illusorisch hinstellt.

– Diese Position – bekennende Anhängerschaft und zugleich Leugnung der behaupteten zentralen Asymmetrie – enthält einen Widerspruch, der hier nicht weiter interessiert. Entscheidend ist, daß Chambadal das Zentrum der Einsteinschen Kinematik mit einer Schärfe kritisiert, die kein fundamentaler Kritiker übertreffen könnte; er führt genüßlich den Unsinn des Groß-Relativisten Eddington vor. Entsprechend verärgert reagieren die Relativisten auf Leute wie Chambadal, weil es eine Kritik gewissermaßen von innen ist, die sie nicht so leicht unterdrücken und verleumden können.

 

1972 – Paradoxes of physics
transl. from the French by M. F. Ingham. – London: Transworld Publ. 1972. 189 S. – Franz. Orig.-Ausg.: Les paradoxes en physique. 1971. librarything.com

– S. 9-34: Langevin’s paradox (The clock paradox): Behandlung wie in Chambadal 1969 (Recherche).

– S. 169-186: The paradox of temperature in the theory of relativity.

– Analysiert das Problem, wie die eindeutig absolut definierte Temperatur (absoluter Nullpunkt) im Rahmen der Speziellen Relativitätstheorie darzustellen ist; konkret: wenn in einem System A eine bestimmte Temperatur absolut gemessen ist, welche Temperatur mißt ein Beobachter, der sich relativ zum System A bewegt? (S. 171-172). Das Meßergebnis kann theoretisch gleich oder größer oder kleiner ausfallen; nur ein Fall kann wahr sein, die beiden anderen müssen dann falsch sein: das Paradox besteht darin, daß diese Annahme falsch ist, weil alle 3 Möglichkeiten (gleich, größer, kleiner) erfüllt werden (S. 174).

– Ergebnis: die relativistische Transformation der Temperatur hängt ab (1) von der gewählten Definition der Temperatur und (2) von einer befriedigenden Definition ihrer Quantität, die erst noch gefunden werden muß (S. 186).

Die Frage einer Relativität der Temperaturmessung ist in der Literatur bisher nur wenig erörtert worden. Kritisch behandelt bei Galeczki/Marquardt 1997 (Requiem). Chamberlin, Thomas Chrowder (Vorr.) s. Poor, Charles Lane : Gravitation versus Relativity. 1922.

 

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