Minkowski-Welt – Fehler Nr. 4

von G.O. Mueller

Dokumentation von G.O. Mueller Kapitel 2 – Fehlerkatalog (G: Minkowski-Welt / Fehler Nr. 4) (English Version…):

Minkowski führt eine Vielzahl von Räumen ein, ohne sie physikalisch zu begründen, voneinander abzugrenzen und empirisch nachzuweisen

Wiederholt macht Minkowski in seinem Vortrag 1908 folgende Aussagen über seine Raumvorstellungen (zitiert nach Abdruck 1958):

(1) es gibt einen „als ruhend vorausgesetzten Raum“ (S. 54);

(2) ein Raum kann sich in einer „gleichförmigen Translation befinden“ (S. 54);

(3) der Raum hat einen Nullpunkt (S. 56);

(4) der Raum kann um den Nullpunkt gedreht werden (S. 56);

(5) der Raum-Nullpunkt – und der zugleich mit ihm identische Zeit-Nullpunkt – kann beliebig verschoben werden (S. 56);

(6) es gibt in der Welt unendlich viele Räume (S. 57).

Minkowski ist offensichtlich nicht in der Lage oder interessiert sich nicht dafür anzugeben, was der Nullpunkt eines physikalischen Raumes überhaupt sein soll, und wie man diesen Nullpunkt in einem physikalischen Raum finden soll, den man anschließend angeblich sogar beliebig verschieben darf; ferner wie die Verschiebung eines solchen Nullpunkts physikalisch zu interpretieren ist (wird der Raum mit-verschoben? werden die im Raum existierenden ponderablen Körper ebenfalls mit-verschoben? oder will er eigentlich nur ein Koordinatensystem verschieben?); ferner wie die Drehung des Raumes auf ihre physikalischen Wirkungen zu analysieren ist, die Abgrenzung von einem physikalischen Raum vom anderen physikalischen Raum anzugeben und die physikalischen Wirkungen z.B. beim Übergang eines ponderablen Körpers von einem Raum in den anderen zu beschreiben sind. Solange dies alles unklar ist, sind Minkowskis Raum-Vorstellungen physikalisch irrelevant.

Die Diagnose für diese Meisterleistung ist nicht schwer: Minkowski konstruiert seine vierdimensionale Welt des Zeitkegels wie Albert Einstein seine dreidimensionalen Koordinatensysteme und verwechselt anschließend sein Konstrukt mit den physikalischen Realien; kunstvoll verwischt er den Unterschied zwischen seinem Konstrukt (Nullpunkt des Raumes), mit dem er gern machen kann, was er will (verschieben, drehen), und dem physikalischen Raum, mit dem er nicht machen kann, was er will, den er aber behauptet zu „drehen“ und „ruhend“ oder „bewegt“ vorzufinden. Minkowski baut also auf die Unfähigkeit des Publikums, zwischen Konstrukt und Wirklichkeit zu unterscheiden, und hat darin offensichtlich eine solide Grundlage gefunden.

Mit der Parzellierung des einen Beobachtungsraumes für den geostationären Beobachter in eine Vielzahl von Räumen entwickelt Minkowski die bei Albert Einstein 1905 angelegten Gedanken nun unverklausuliert und ungeniert weiter.

Die Mathematik erlaubt die Konstruktion beliebig vieler Räume, da sie keine Rücksicht auf die physikalische Interpretation nehmen muß. Um so beliebter sind Minkowskis Behauptungen bei den Relativisten: erst Minkowskis anschauliche Ausmalung seiner vierdimensionalen Welt mit Lichtkegel (Vorkegel, Nachkegel), Weltpunkten und Weltlinien, raumartigen und zeitartigen Größen und der Lichtgeschwindigkeit als Maßeinheit hat maßgeblich zur Durchsetzung der Speziellen Relativitätstheorie beim Publikum und in den Massenmedien beigetragen und ihren Autor nach Lorentz und Albert Einstein zum dritten Mitschöpfer der Theorie avancieren lassen.

Wenn man Minkowskis Spekulationen physikalisch ernst nehmen will, kommt man zu folgendem Ergebnis: der Raum soll einen Nullpunkt haben; der muß sich offensichtlich selbst auch im Raum befinden; wenn er den Nullpunkt verschiebt, verschiebt er den Nullpunkt des Raumes durch diesen selben Raum hindurch; wenn beim Verschieben des Nullpunkts auch der Raum selbst verschoben wird, dann wird ein Raum durch den anderen Raum verschoben oder ein Raum durch sich selbst hindurch. Wenn er den Raum um den Raum-Nullpunkt dreht, geschieht dasselbe wie bei der Verschiebung entsprechend: das Drehen des Raumes durch einen anderen Raum oder durch denselben Raum. Beim Verschieben und Drehen der Räume sind noch die physikalischen Schicksale der in den Räumen vorhandenen ponderablen Körper zu untersuchen, ebenso die physikalischen Schicksale von vorhandenen Feldern (gravitative, magnetische, elektrische).

Die Drehung des physikalischen Raumes ist natürlich noch viel schöner: denn wenn die ponderablen Körper mit-gedreht werden sollten, dann gibt es lustige Zentrifugalbeschleunigungen, die der „Dreher“ des Raumes selbst nach Belieben produziert! Schöner ist Physik noch nie gewesen.

Mit solchen physikalischen Problemen gibt sich der Mathematiker Minkowski natürlich nicht ab. Daß er sich völlig klar gewesen ist über sein Tun, hat er selbst zu Protokoll gegeben (S. 60), dort allerdings auf Albert Einstein bezogen: „Über den Begriff des Raumes in entsprechender Weise hinwegzuschreiten, ist auch wohl nur als Verwegenheit mathematischer Kultur einzutaxieren.“

Schöner können es auch die physikalischen Kritiker nicht sagen: sie werfen den Relativisten von Albert Einstein über Minkowski bis zu den heutigen Groß-Koryphäen nur diese verwegene Mißachtung der physikalischen Gegebenheiten vor. Minkowski hat 1908 die „Verwegenheit“ noch triumphierend gefeiert, als gehe es in der Physik um einen Sieg durch Kühnheit und Verwegenheit (Sieg über wen?).

Minkowski, Hermann: Raum und Zeit : Vortrag, 80. Naturforscher-Vers., Köln 1908, 21. Sept. In: Naturforschende Gesellschaft, Cöln. Verhandlungen. 80. 1909, S. 4-9. Zugl in: Physikalische Zeitschrift. 20. 1909, S. 104-111. Abgdr. in: Das Relativitätsprinzip. Lorentz, Einstein, Minkowski. 6. Aufl. 1958, S. 54-66.

 

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