Einstein et la notion du temps

von Jacques Maritain 

Einstein et la notion du temps
Jacques Maritain
  

In: Revue universelle. Paris. 2. 1920, S.  358-364.  

Die Forschungsgruppe G.O. Mueller referiert stichworthaltig in ihrer Dokumentation Über die absolute Größe der Speziellen Relativitätstheorie (Textversion 2.1 – Juni 2004) diese Arbeit von Jacques Maritain:

Erörtert in einem fiktiven Disput mit seinen Freunden Philonous und Rhodanthe Einsteins Büchlein „Über die spezielle und die allgemeine RT“ in seiner 5. Aufl. 1920.

– Rhodanthe ist der Mathematiker und gibt den Part des begeisterten Relativisten; Philonous ist der Neu- und Wissensbegierige; Maritain vertritt eine kritische Reserve bis zur klaren Ablehnung.

– Maritain skizziert seine Position:

(1) Die Philosophie gründet sich nur auf die Evidenz der Tatsachen, die von den Sinneseindrücken bestätigt werden, und die Evidenz der Erkenntnisprinzipien: „des premiers principes intelligibles, des vérités connues de soi“ (S. 359). Wir sind keine Cartesianer, wir mißtrauen den idées claires, wir halten die Wissenschaft für schwierig.

(2) Der Zeitbegriff ist eine erste, grundlegende Erfahrung des „sens commun“, der sich darüber nicht täuschen kann. Einstein hat deshalb nicht recht mit seiner Argumentation gegen den allgemeinen Menschenverstand. Einsteins Zeit ist nicht die erfahrene Zeit, sondern nur eine mathematische Größe, eine Variable in einer Gleichung, die mit der wirklichen Zeit nur die Bezeichnung gemein hat (S. 360).

(3) Die moderne Physik ist nicht eigentlich eine Wissenschaft der Natur, sondern eine formal-mathematische Wissenschaft, die nur einen Aspekt erfaßt; sie will nur Funktionen zwischen variablen Größen herstellen. Wenn man die Gesetze aufstellen will, ohne die Ursachen kennen zu wollen, dann gerät man in Gefahr, einfache Fiktionen für die wirklichen Wesen und die Ursachen zu halten. Heute will man die Bewegung und die Zeit mathematisieren, die jedoch Gegenstände der Physik sind und nicht der Mathematik (S. 361).

(4) Die Zeit wird an der Bewegung abgelesen; als Einheit wurde die Bewegung des Himmels oder die Bewegung der Erde gewählt. Alle Bewegungen mit allen Geschwindigkeiten werden aufgrund der Zeitmessung bestimmt; deshalb kann die Zeit nicht durch Bewegungen relativiert werden: „le temps ne peut pas sans absurdité être regardé comme leur étant relatif, c’est-à-dire comme variant selon la mesure de ce qui est mesuré par lui“ (S. 363). 

 

_Der Philosoph und Erkenntnistheoretiker muß die Physiker daran erinnern, woher sie ihre „Geschwindigkeiten“ haben: nämlich aus dem Quotienten von Weg und Zeit. Einstein und seine Relativisten tun gern so, als wäre die Geschwindigkeit, z.B. ihre Lichtgeschwindigkeit direkt beobachtbar! Jedoch ohne Weg und Zeit – und zwar beides vorausgehend! – gibt es keine Rechnung, die zur „ Geschwindigkeit“ führt. Ein wenig Kenntnis und Beachtung der erkennt nistheoretischen Grundlagen ihres Tuns hätte die Physiker vor viel Unsinn bewahren können.

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