Forschung über Wahrheiten

von Sibylle Anderl

Artikel in der FAZ vom 22.03.2013

Forschung über Wahrheiten
Sibylle Anderl

„Philosophie der Physik setzt Physik voraus: In Hannover trafen sich die Wissenschaftsphilosophen, um über die Aufgaben und die Leistungsfähigkeit ihrer Disziplin zu diskutieren.

Als Wissenschaftsphilosoph sollte man ein dickes Fell haben. Von Seiten des Forschungsobjektes ist schließlich oft alles andere als Gegenliebe zu erwarten. „Wissenschaftsphilosophie ist für die Wissenschaftler ähnlich nützlich wie die Ornithologie für die Vögel“, wird der berühmte Physiker Richard Feynman zitiert. Sein Kollege Stephen Weinberg widmete ein ganzes Kapitel seines Buches „Dreams of a Final Theory“ dem Schlachtruf „Against Philosophy“, in dem er feststellt, dass seit dem Zweiten Weltkrieg Fortschritt innerhalb der Physik durch philosophische Ideen nie befeuert und meist gebremst worden ist. Der theoretische Physiker Freeman Dyson schreckt nicht einmal vor persönlicher Beleidigung zurück. Im Vergleich zu den Riesen der Vergangenheit seien die heutigen Philosophen ein jämmerlicher Haufen Zwerge.

Dabei hat die Wissenschaftsphilosophie sich in den vergangenen fünfzig Jahren redlich bemüht, auf die Wissenschaftler zuzugehen. Um 1930 sah die Philosophie ihre Aufgabe noch in einer von den empirischen Wissenschaften unabhängigen, logischen Analyse von Wissenschaftssprachen. Behandelt wurde die Wissenschaft als eine Unternehmung, deren Kriterien und Begriffe allgemein gültig herauszuarbeiten sind. Es wurde weniger gefragt, wie Wissenschaft faktisch funktioniert, sondern vielmehr, wie sie idealerweise funktionieren sollte.“

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Eine Antwort zu “Forschung über Wahrheiten”

  1. Helmut Hille

    Zur Vertiefung empfehle ich meinen DPG-Vortrag am KIT in Karlsruhe von 2011: Wie hilfreich ist die Wissenschaftstheorie? in WEGE DES DENKENS (Adresse oben) niedergelegt unter „I/A Texte zur Wissenschaftstheorie“ als A1.
    Eine Auseinandersetzung mit dem Buch von Stephen Weinberg „Der Traum von der Einheit des Universums“ ist das letzte in der gleichen Sparte als A10.
    Hier nur zur Abrundung ein Zitat von Karl Friedrich von Weizsäcker:
    „Jeder Physiker hat eine Philosophie, und wer behauptet, keine zu haben, hat in der Regel eine besonders schlechte.“
    Also haben alle Physiker, die von Philosophie nichts wissen wollen, eine besonders schlechte. Ich habe mal aus gegebenen Anlass geschrieben: „Physiker machen gern einen Bogen um grundsätzliche Fragen in der Hoffnung, dass auch kein anderer sie stellt. Daher sind solche Fragensteller ihnen nur lästig.

    Hier noch der für 2011 eingereichter Kurztext für FV MP (DPG-Fachverband Mathematische und theoretische Grundlagen der Physik):
    Wie hilfreich ist die Wissenschaftstheorie?
    Der Fehler der meisten Philosophen ist, dass sie den Menschen als ein abstraktes Wesen ohne Lebensbezug behandeln. Der Fehler der Wissenschaftstheoretiker und der Vertreter von Erkenntnistheorien ist, dass sie ihre Aussagen aus und mit der Forschung selber begründen wollen und wegen der Ausblendung der Beobachterrolle daher notwendig zu unkritisch sind. Es sollen Wege aufgezeigt werden, die zu einem abgeklärten Standpunkt führen, von dem aus theoretische Aussagen geprüft werden können. Nur so kann eine Intersubjektivität entstehen, d.h. „die Stufe objektiver Gültigkeit erstrebender Wissenschaft“, die auf Einsichten und nicht auf Einigungen beruht. Weder kann Weisheit ohne Wissen, noch Wissen ohne Weisheit gelingen, weshalb es darauf ankommt, Naturwissenschaft und Philosophie ohne gegenseitigen Vereinnahmungsversuche im Dialog zusammenzuführen.