Die ätherlose Relativitätstheorie Einsteins wird angeblich durch die Äthertheorie Lorentz‘ experimentell bewiesen

von G.O. Mueller

Aus der Dokumentation von G.O. Mueller Kapitel 2 – Fehlerkatalog
O: Experiment / Fehler Nr. 1 (English Version…):

Obwohl Lorentz‘ Äthertheorie und Albert Einsteins Spezielle  Relativitätstheorie sich mathematisch nicht unterscheiden, sollen Experimentergebnisse angeblich die Richtigkeit der Speziellen Relativitätstheorie beweisen

Auch die Autoren der Relativistik müssen zugeben, daß der  mathematische Apparat der
beiden Theorien von Lorentz und Albert Einstein derselbe ist. Daraus ergibt sich zwingend, daß alle Berechnungen von Experimentergebnissen im Rahmen dieses mathematischen Apparats stets beide Theorien beweisen oder widerlegen. Der grundlegende Unterschied entsteht erst bei der Interpretation der Rechnungs-Ergebnisse, nämlich mit oder ohne Ätherhypothese.

Da ohne eine Veränderung des mathematischen Aufbaus für eine der beiden Theorien keine unterschiedlichen Rechnungs-Ergebnisse herauskommen können, und da eine solche Veränderung einer der beiden Theorien nicht stattgefunden hat, ist die Suche nach einem Experiment zur Unterscheidung zwischen beiden Theorien erfolglos geblieben und wird es, aus Gründen der Logik, bis zu einer Veränderung im mathematischen Gerüst auch bleiben.

Hierfür haben wir im Relativisten M. v. Laue 1913 (S. 20) einen unverdächtigen Kronzeugen: „Eine eigentliche experimentelle Entscheidung zwischen der erweiterten Lorentzschen und der Relativitätstheorie ist dagegen wohl überhaupt nicht zu erbringen, und wenn die erstere trotzdem in den Hintergrund getreten ist, so liegt dies hauptsächlich daran, daß ihr, so nahe sie auch der Relativitätstheorie kommt, doch das große, einfache, allgemeine Prinzip mangelt, dessen Besitz der Relativitätstheorie von vornherein etwas Imposantes verleiht.“

Man kann empirisch zwischen beiden Theorien nicht unterscheiden, aber die Spezielle Relativitätstheorie ist imposanter: die ideologisch-dogmatische Bevorzugung der Imposanz soll eine physikalische Begründung sein.

Jegliche Behauptungen der Relativisten über experimentelle Bestätigungen ihrer Speziellen Relativitätstheorie sind daher falsch und irreführend. Sie müßten im angenommenen Beweisfalle, wenn er denn einmal eintreten sollte, ehrlicherweise sagen, daß beide Theorien bestätigt worden sind, daß aber offen ist, welche von beiden (wenn überhaupt eine von beiden) die richtige ist.

Der bisher geltende Tatbestand der identischen Mathematik beider Theorien hat Lorentz 1910 (S. 1236) auch die Meinung vertreten lassen, es sei reine Auffassungssache, „Denkweise“, welche der beiden Theorien man sich zu eigen mache: „Man kommt also dann zu denselben Resultaten, wie wenn man im Anschluß an EINSTEIN und MINKOWSKI die Existenz des Äthers und der wahren Zeit leugnet und alle Bezugssysteme als gleichwertig ansieht. Welcher der beiden Denkweisen man sich anschließen mag, bleibt wohl dem einzelnen überlassen.“

Theimer 1977 (S. 77): „Die Relativitätstheorie und die Lorentz-Theorie haben dieselbe mathematische Struktur (Maxwell + Lorentz-Transformation), legen sie aber physikalisch verschieden aus. Die elektromagnetischen Experimente beweisen nur, daß Maxwell in gewissen Fällen tatsächlich durch die Lorentz-Transformation korrigiert werden muß.“

Die Nachweise und Hinweise auf die Ununterscheidbarkeit der Theorien wegen der Identität der mathematischen Strukturen sind wiederholt gegeben worden; z.B. Raschevsky 1923, S. 108: „… daß also jeder Versuch, wie auch sein Ergebnis sein möge, immer sowohl im Sinne der Relativitäts- wie auch der absoluten Theorie interpretiert werden kann.“

Eine schöne Geschichte zum Thema berichtet Herbert Eugene Ives, der sich 1938 den Spaß erlaubt hat, seine Atomuhr den angereisten Harvard-Professoren mit der Lorentz-Theorie (und nicht, wie erwartet, mit der Speziellen Relativitätstheorie  von Albert Einstein) zu erklären, was denen überhaupt nicht behagt hat, weshalb die „Princeton lads„, wie er 1950 belustigt berichtet, ihn künftighin auf der Straße nicht mehr gegrüßt haben. – Ives ist angesichts seines großen Renommés mit der Grußverweigerung noch glimpflich davongekommen; Herbert Dingles Bericht über seine jahrelange, vergebliche Umfrage in Großbritannien (Science at the crossroads, 1972) wirkt nicht erheiternd.

Lorentz, Hendrik Antoon: Alte und neue Fragen der Physik : 6 Vorträge, Göttingen, Okt. 1910, über: Äther; RP; Gravitation; Strahlung; in Referaten v. Max Born. In: Physikalische Zeitschrift. 11. 1910, S. 1234-1257. – Laue, Max v.: Das Relativitätsprinzip. 2., verm. Aufl.. Braunschweig: Vieweg, 1913. 272 S. (Die Wissenschaft. 38.) – Raschevsky, Nicolas v.: Kritische Untersuchungen zu den physikalischen Grundlagen der Relativitätstheorie. In: Zeitschrift für Physik. 14. 1923, 107-149. – Ives, Herbert Eugene: [Gespräch, 24.10.1950] In: The Einstein myth and the Ives papers. Ed.: R. Hazelett, D. Turner. 1979, S. 90. – Theimer 1977, S. 77.

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2 Antworten zu “Die ätherlose Relativitätstheorie Einsteins wird angeblich durch die Äthertheorie Lorentz‘ experimentell bewiesen”

  1. Peter Rösch

    Die zugrundeliegende Genese ist recht einfach zu verstehen.
    Voigt entwickelte die genannten Formeln bei seiner Beschäftigung mit der elastischen Lichttheorie, aus der sie hervorgingen.
    Nachdem diese unmodern wurde, übernahm Lorentz die Formeln und paßte sie in die modischere Maxwellsche Auffassung ein.
    Kaum war dies geschehen, mußte der sich aus den Machschen Anschauungen entwickelnden Dominanz von Positivismus und Relativismus Rechnung getragen werden; dies besorgte Lindemann mit seiner „Elektrodynamik bewegter Körper“, die er unter dem Namen Einstein über Drude in Plancks „Annalen“ einschmuggeln konnte.
    Das ist die ideologische Genese der Relativitätstheorie. That’s all.

  2. Peter Rösch

    Von der fachlichen Seite her sollte noch angemerkt werden, daß über die Verknüpfung der Lorentzschen Formeln mit dem physikalischen Relativismus – das ist dann erst die „Relativitätstheorie“! – eine zusätzliche Antinomie (Logikfehler) in das Lehrgebäude eingetragen wurde. Ursächlich ist der behauptete Reverseffekt z. B. bei der Zeitdilatation, wie er schon beim Uhrenparadoxon thematisiert ist. Er entspricht einer Gegenüberstellung von t = t’/ß und t‘ = t/ß in ein- und demselben mathematischen System. Der Rechengeübte sieht sofort, daß dies nur über einen gröblichsten Rechenfehler – also nur scheinbar – gelingt.