Relativität in der Schwebe: die Rolle von Gustav Mie

von Gunter Kohl

Relativität in der Schwebe: die Rolle von Gustav Mie
Gunter Kohl
Vorwort von David E. Rowe

Berlin: Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, 2002. 133 S. (Preprint. 209.)
Datei ohne Erscheinungsvermerk; 134 Seiten
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REFERAT von G.O. Mueller über diese Arbeit von Günter Kohl – 26.08.2013:

Gustav Mies fundamentale Kritik der Allgemeinen Relativitätstheorie vor 1922 

– Untersucht die Diskussion zwischen Gustav Mie und Albert Einstein in den Jahren 1913 bis März 1918 über die Allgemeine Relativitätstheorie in veröffentlichten Arbeiten, Vorträgen, öffentlichen und privaten Diskussionen und im Briefwechsel.

Die Diskussion betrifft die Theorien beider Forscher, besonders aber die kritische Auseinandersetzung Mies mit der entstehenden Allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins.

Sie beginnt mit einer hitzigen Diskussion zwischen Mie und Einstein im Anschluss an Einsteins Vortrag vor der Naturforscherversammlung in Wien 1913 und endet bei einem Besuch Mies bei Einstein in Berlin 1918 (S. 41-43 und 63-104).

Behandelt ausführlich das Äquivalenzprinzip der Allgemeine Relativitätstheorie und kommt zu dem Urteil, daß die bekannte Behauptung Albert Einsteins, ein Physiker könne in einem geschlossenen Kasten nicht erkennen, ob er in einem Gravitationsfeld ruht oder fern von einem Gravitationsfeld konstant beschleunigt wird, unzutreffend ist (S. 59):

Das Aquivalenzprinzip spielt demnach in der Natur keine Rolle. Sondern es ist ein auf der Identität von schwerer und träger Masse begründetes heuristisches Leitbild zur Interpretation des metrischen Tensor. Demnach kann man echte Gravitationsfelder nicht wegtransformieren und selbst messende Physiker können bis zu einem gewissen Grade überprüfen, inwiefern die einwirkenden Kräfte Gravitationswirkungen oder Trägheitswirkungen sind: Betrachtet man zum Beipiel ein in Richtung Erde fallendes Bezugssystem, so wird man doch ein echtes Gravitationsfeld auf Grund von „Gezeitenkräften“ nachweisen können. dass selbst im infinitesimalen Bereich noch überprüfbar ist.“

Zitiert als Beispiel früher kritischer Ablehnung des Äquivalenzprinzips Max v. Laue (S. 59):

Schon gegen Ende des Jahres 1911 lehnte Laue das Prinzip ab und erklärte Einstein: „Für das Gravitationsfeld im System K muss doch ein, die Gravitation verursachender Körper vorhanden sein, für das beschleunigte System K‘ aber nicht.“

Die Diskussion zwischen Einstein und Mie 1913 in Wien behandelte mehrere Punkte der Gravitationstheorien, im Zentrum stand das Äquivalenzprinzip, das Mie folgendermaßen ablehnte (S. 74):

„… Ich habe eben in seinem Vortrag Herrn Einstein so verstanden, als ob er eine Machsche Idee weiter verfolgen wollte, wonach es auch nicht möglich sein dürfte, die Beschleunigungen absolut nachzuweisen. Gegen eine solche Auffassung des verallgemeinerten Relativitätsprinzips muss man als Physiker sehr schwerwiegende Bedenken erheben. […] Man denke sich, man fahre in einem Eisenbahnwagen, der gegen die Außenwelt abgeschlossen ist.

Man wird in diesem Wagen gerüttelt und geschüttelt, und diese Kraftwirkungen […] pflegt man zu erklären als Trägheitswirkungen, infolge der unregelmäßigen Schwankungen des Wagens. Das allgemeine Relativitätsprinzip in der jetzt zu besprechenden Auffassung würde nun behaupten, dass es möglich sei, ein System gravitierender Massen anzunehmen, das unregelmäßige Bewegungen um den als ruhend gedachten Eisenbahnwagen herum ausführt und das so auf unsern Körper dieselben Wirkungen hervorruft, die wir für Trägheitswirkungen halten. […]

Ich glaube also, dass die hier besprochene Auffassung des verallgemeinerten Relativitätsprinzips keinen physikalischen Sinn hat.“

Referiert im weiteren mehrere Kritikpunkte Mies:

Vielleicht fühlte sich Mie auch an die Diskussion in Wien zurückerinnert: Dort verwies Einstein ebenfalls auf Mach und legte dar, dass Trägheit durch alle wahrnehmbaren Massen verursacht sei und schon damals lehnte Mie diese „Machschen Ideen“ ab, da er es als erwiesen ansah, dass Beschleunigungen absolut nachweisbar sind.“ (S. 88)

„… denn dieser [Mie] glaubte nach wie vor an bevorzugte Bezugssysteme und ersann verschiedene Beispiele, um die Absurdität dieser Gleichberechtigung bloßzustellen: In der Wien-Diskussion griff Mie Einsteins Eisenbahn auf und stellte sich vor, wie um die ruhende Bahn irgendwelche Massen verrückte Bewegungen ausführen, die schließlich dem Bahnkunden ein Rütteln vortäuschen.“ (S. 89)

Drei Jahre später, in den Göttinger Vorträgen, stellte Mie ein weiteres Beispiel vor: den sich schlängelnden Stab. […] Dabei stellte sich Mie einen geraden starren Stab vor. Man hat zuvor mittels Lichtstrahlen überprüft, dass der Stab nun wirklich gerade ist. Betrachtet man aber ein anderes, sich in der Zeit periodisch veränderndes Bezugssystem, so wird sich der Stab dort schlängeln und winden. Dazu müssten in diesem System jedoch Gravitationsfelder oder spezielle […]-Felder vorhanden sein, sofern man Einsteins Ansatz folgt. Und gerade diese Felder unterscheiden beide Systeme, diese Felder haben keine realen Massen als Quellen, weshalb Mie sie fingierte Gravitationsfelder nannte. Sie übernehmen nun die Rolle als Kausal-Ursache für das Verhalten des Stabes …“ (S.89)

Mie rief ebenfalls das Einsteinsche Gedankenexperiment der zwei sich relativ zueinander drehenden Kugeln aus dem „Grundlagen-Artikel“ von 1916 ins Gedächtnis, dort habe Einstein über den „mathematischen Zauber der Eigenschaft der allgemeinen Transformierbarkeit der physikalischen Grundgleichungen die hausbackene Logik aus den Augen verloren„.“ (S. 89-90)

Mie dagegen sagte, dass in Einsteins Theorie in verschiedenen Systemen Gravitationsfelder vorkommen, die nicht von beobachtbaren Massen ausgehen. Diese Systeme seien physikalisch unbefriedigender und damit unberechtigt.“ (S. 93)

Für Mie war dies ein weiteres Indiz gegen die Gleichberechtigung aller Bezugssysteme: „Man sieht also, dass man mit dem allgemeinen Relativitätsprinzip vorsichtig sein muss. Die im völlig freien Raum rotierende geladene Kugel ergiebt sich nicht aus der ruhenden Kugel durch ‚Transformation‘. […] Die Bewegung ist daher in diesem Fall auch ‚absolut‘ nachzuweisen, nämlich an der Strahlung und dem mit der Strahlung verbundenen Energieverlust.““ (S. 95-96)

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KOMMENTAR von G.O. Mueller:

– Für eine akademische Veröffentlichung ist eine Darstellung fundamentaler Kritik der Allgemeinen Relativitätstheorie  – wie die von Gustav Mie – nur erlaubt, solange es sich um Kritik vor dem Jahr 1922 handelt, weil in diesem Jahr in Leipzig die Kritik der Relativitätstheorien aus dem Wissenschaftsfach „Physik“ hinaus-geworfen wurde.

– Die starke Tradition der nach 1922 veröffentlichten Kritik gilt in der offiziellen Physik als nicht existent, wird verleugnet und verleumdet: so zwingt die sogenannte „Wissenschaft“ mit Hilfe einer gleichgeschalteten Jubel-Presse ein ganzes Fachgebiet und eine ahnungslose Öffentlichkeit, in der Lüge zu leben.

– Werden die Massenmedien und die Vertreter der Öffentlichkeit durch die vorliegende Dokumentation über das Erscheinen einer vernichtenden Kritik bis zum heutigen Tage informiert, so weigern sie sich, diese Informationen zu verarbeiten, weil die „kognitive Dissonanz“ zwischen dem, was sie bisher zu wissen glaubten, und der Wirklichkeit unerträglich ist und zur Vermeidung der Schande ängstlich verdrängt werden muß.

– Bisher arbeitet auch die angeblich kritische akademische Wissenschaftsgeschichte brav im Dienste solcher Verdrängung, unter der organisatorischen Aufsicht und dem Patronat ihres Heiligen Max Planck. Sie darf und will noch nichts ahnen von dem reich bestellten Feld der Kritiktradition von 1922 bis zum heutigen Tag!

 

 

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Siehe auch vom Autor Gustav Mie in diesem Blog:

Allgemeine Diskussion über die Relativitätstheorie

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Eine Antwort zu “Relativität in der Schwebe: die Rolle von Gustav Mie”

  1. Bernhard Berger

    Es ist interessant,

    jedoch möchte ich bemerken, dass messbare Trägheits-Kräfte nur in indirekt mit beschleunigten Subsystemen wirksam werden.

    Eine Billardkugel auf einem Billardtisch in einem beschleunigtem Eisenbahn Wagon wird von einem mitreisendem Beobachter als von „Geisterhand“ beschleunigte Bewegung in entgegengesetzter Richtung aufweisen.

    Würde der selbe Eisenbahnwagon sich aber im Universum befinden und durch die Gravitation in die selbe Richtung beschleunigt werden wie zuvor auf der Erde durch die Lokomotive, dann würde der mitreisende Beobachter keine Beschleunigung der Billardkugel feststellen können.

    Begründung:

    Wird der Wagon auf der Erde durch die Lokomotive beschleunigt, so wirkt sich die beschleunigende Kraft ausschließlich auch den Wagon aus. Die in dem Wagon befindlichen Gegenstände werden nun durch den Wagon beschleunigt soweit sie mit dem Wagon in fester Verbindung stehen. Tun sie das nicht, werden sie auch nicht mit beschleunigt was eine relative Bewegung der Billardkugel in entgegengesetzter Richtung ergibt. Sie Ruht weiterhin bis sie den Rand des Billardtisches erreicht hat und nun durch den mit beschleunigten Rand des Billardtisches mit beschleunigt wird.

    Anders verhält es sich im Universum, wenn also der Wagon durch die Gravitation eines Planeten beschleunigt wird, so wirkt sich diese Gravitationskraft auf alle Atome des Wagon aus! Also auch auf die Billardkugel auf dem Billard Tisch.

    Jedes einzelne Atom des Planeten interagiert mit jedem einzelnen Atom des Wagons und dessen Inhalt.