Abkehr von einer „Physical theory of nature“ zu einer „Mathematical theory of nature“

von G.O. Mueller

Aus der Dokumentation von G.O. Mueller Kapitel 2 – Fehlerkatalog
V: Entstehungs- u. Erhaltungsmotive / Fehler Nr. 5 (English Version…):

Abkehr von einer „Physical theory of nature“ zu einer „Mathematical theory of nature“

Wenn eine völlig haltlose Theorie in der Wissenschaft durchgesetzt und aufrechterhalten werden kann, müssen die Entstehungs- und Durchsetzungsmotive irrational sein.

G. B. Brown 1956 unterscheidet in seinem Vortrag 1955 in der Geschichte der Naturwissenschaften seit dem Altertum drei grundverschiedene Ansätze: eine „physical theory of Nature„, eine „mathematical theory“ und eine „functional theory“ und bezieht sich dabei auf eine Studie von F. S. C. Northrop von 1931. Mitte des 19. Jahrhunderts gewinnt die „mathematical theory“ die Oberhand, die behauptet, „that the phaenomena may be explained by equations„, womit er Airy 1846 zitiert. Dagegen hat die „physical theory“ z. B. Newtons das Ziel, die Phänomene durch physikalische Ursachen zu erklären.

Albert Einstein und mit ihm Eddington und Jeans wollen nur noch mit Ablesungen von Meßinstrumenten und mit mathematischen Gleichungen arbeiten, die die Meßwerte verknüpfen.

Brown (S. 625): „But no mention was made of any forces which would cause the instruments to read differently, the clocks to go slow, and so on, and we were left once more with nothing but mathematical relations together with pseudo-epistemology, involving a lot of hypothetical observers attached to anything from an electron to a galaxy.“ Albert Einstein macht nur eine Vorschrift, daß alle beliebig bewegten Beobachter dieselbe Lichtgeschwindigkeit messen müssen; die Messergebnisse können jedoch nicht vorgeschrieben werden, sondern müssen die Ergebnisse konkret durchgeführter Beobachtungen und Messungen sein (S. 625).

Nicht der Einsatz der Mathematik, sondern der Verzicht auf die Erklärung durch Ursachen ist eine irrationale Entscheidung, die zu den Theorien Albert Einsteins geführt hat. Der erkärte Apologet H. Margenau hat in seinem Beitrag zum Sammelwerk „Albert Einstein: philosopher-scientist“ von 1949 (zitiert nach der Ausgabe 1997, S. 245-246) das erstaunliche Bekenntnis über die beiden Theorien zu Protokoll gegeben: „The physicist is impressed not solely by its far flung empirical verifications, but above all by the intrinsec beauty of its conception which predisposes the discriminating mind for acceptance even if there were no experimental evidence for the theory at all.“

Klarer und eindeutiger kann die von Brown gestellte Diagnose nicht bestätigt werden: even if there were no experimental evidence at all. Wie die Kritik bewiesen hat, war dieser Zustand bereits um 1920 erreicht gewesen. Gegen Irrationalität helfen keine empirischen Befunde, und ihr Fehlen stört auch nicht.

Was Brown als „mathematical theory of Nature“ bezeichnet, wird allgemeiner als „Mathematismus“ kritisiert, der den Ersatz der auf Empirie und kausale Erklärungen gegründeten Physik durch Mathematik bedeutet. Daß dies keine Einbildung der Kritiker ist, sondern von den Mathematikern fröhlich propagiert wird, zeigen die zahlreichen bemerkenswerten Zitate aus den Schriften von Eddington und Jeans, die man u.a. bei L. S. Stebbing 1937 und Brown 1956 nachlesen kann.

Stebbing, L. Susan: Philosophy and the physicists. Unaltered republication of the 1. Dover ed. 1958. New York: Dover Publ., 1960. 295 S. Erstmalig veröff. 1937. Lit.-Angaben bis 1936. – Albert Einstein – philosopher-scientist / ed. by Paul Arthur Schilpp. 3. ed., 7. print. La Salle, Illinois: Open Court, 1997. 781 S. (The library of living philosophers. 7.) – Brown, George Burniston: Have we abandoned the physical theory of nature? : substance of a lecture, Royal Institute of Philosophy, Oct. 1955. In: Science progress. 44. 1956, Nr. 176, S. 619-634.

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